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OP-Buchtipp: „Sinn und Form“

Selbstbewusst, keck, ungeschliffen

Das erste „Ich“-Gedicht des jungen Brecht ist jetzt veröffentlicht worden. Das Berliner Brecht-Archiv hat es in der Akademie-Zeitschrift „Sinn und Form“ publiziert.
Das undatierte Porträt zeigt den Dramatiker Bertolt Brecht. Jetzt ist sein erstes Ich-Gedicht veröffentlicht worden. Foto: dpa

Das undatierte Porträt zeigt den Dramatiker Bertolt Brecht. Jetzt ist sein erstes Ich-Gedicht veröffentlicht worden.

© dpa

Als der junge Bertolt Brecht 1918 seinen „Baal“ über einen rüpelhaften „Asozialen in einer asozialen Gesellschaft“ (Brecht) schrieb, versuchte sich der 20-Jährige mit tastenden Schritten auch als rebellischer Lyriker. Das Gedicht „Ich, Berthold Brecht, alt: 20 Jahre“ wurde jetzt erstmals veröffentlicht.

Es ist die Urform einiger in späteren Jahren erschienenen Gedichte, die einen ähnlichen ichbezogenen Anfang haben.

Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs empört sich „ein armer Teufel, umgetrieben“, womit sich der junge Brecht auf den rebellischen Dichter und Vagabunden des Spätmittelalters, Francois Villon, beruft. Brechts noch ziellose Anklage – er nennt es „Beschwerdeschrift“ – steht in der Tradition von auflehnenden Appellen eines Emile Zola („J‘accuse!“/Ich klage an!) im Zuge der Dreyfus-Affäre 1898 bis zu Stephane Hessels Essay „Empört euch!“ von 2010.

Der junge Brecht, 1898 in begüterten Verhältnissen in Augsburg geboren, verspürte angesichts des Massenmordens und Elends in Europa ein Unbehagen, das seinen Ausdruck finden musste. Er nennt sich „von Kind an eher scheu als frech,/ich, der ich Wohlleben gewohnt war,/noch beinah nichts vom Leben litt/eh‘r wie ein rohes Ei geschont war/beschwere ich mich dennoch hiermit...So schreib (schlag) ich denn“ – Brecht korrigierte hier das Wort im Manuskript – „der Luft von neuem in die Fresse/die folgende Beschwerdeschrift“. Damit bricht der Text des vierstrophigen Gedichts ab.

Der Leiter des Berliner Brecht-Archivs der Akademie der Künste, Erdmut Wizisla, nennt Brechts frühe Verse „selbstbewusst, keck, kräftig und ungeschliffen“. Ton und Gestus der „Dreigroschenoper“ seien hier bereits vorgeprägt. Es sei auch ein „Spiel mit Varianten“ und eigenem Namen: Eugen Bertold, Bert oder eben Berthold.

  • „Sinn und Form“, herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin, 4/2016, 146 Seiten, 11 Euro.

von Wilfried Mommert


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