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OP-Buchtipp: Charlotte Link: „Die Entscheidung“

Sehr realistisch und mörderisch gut

Mit seinem Entschluss, 
der jungen Nathalie zu helfen, wird Simon in eine mörderische Geschichte hineingezogen, die 
sein gesamtes Leben
 um­krempelt.
Die Bestsellerautorin Charlotte Link gehört mit einer Gesamtauflage von 26 Millionen Büchern zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen. Foto: Blan­valet Verlag, Fredrik von Erichsen

Die Bestsellerautorin Charlotte Link gehört mit einer Gesamtauflage von 26 Millionen Büchern zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen.

© Blan­valet Verlag, Fredrik von Erichsen

Es ist ein bekanntes Problem unserer Zeit: Junge Mädchen aus Osteuropa werden von Schleusern unter falschen Versprechungen in den Westen gelockt und dort zur Prostitution gezwungen. Wie die beiden blutjungen Bulgarinnen Selina und Ninka. Selina gelingt die Flucht. Doch damit löst sie eine Kettenreaktion an Ereignissen aus, die ebenso unglaublich wie – leider – realistisch sind.

Mit viel Taktgefühl hat sich Bestsellerautorin Charlotte Link (52) des traurigen Themas angenommen und in ihrem neuen Kriminalroman „Die Entscheidung“ eine Geschichte drum 
herum gesponnen, die nach Frankreich führt und etliche Menschen in einen Strudel zieht. So auch Simon.

Der Deutsche, ein leidlich erfolgreicher Übersetzer, ist nicht eben vom Glück verfolgt: geschieden, Vater von zwei Töchtern, die nicht viel Interesse an ihrem Erzeuger zeigen, eine selbstsüchtige Ex-Frau, die ihm gern das Leben schwer macht, ein Vater, dem er nie etwas recht machen kann, und eine Geliebte, die ihm wenige Tage vor Weihnachten den Laufpass gibt. Nun brütet er allein im Haus seines Vaters an der französischen Küste vor sich hin und hadert mit seinem Schicksal. Doch es soll noch schlimmer kommen.

Nichts wie raus aus dem Sumpf

Bei unwirtlichem Wetter spaziert er ziellos umher und wird Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einer Frau und zwei Männern. Es ist seine „Entscheidung“, der jungen Nathalie zu Hilfe zu kommen. Fortan hat er nicht nur sie am Hals, sondern auch noch ihre ganz persönlichen Schwierigkeiten. Nathalie ist auf der Flucht. Doch wer sie verfolgt, weiß sie nicht. Auch nicht, warum sie fliehen soll. Sie nimmt nur die telefonische Warnung ihres Lebensgefährten ernst, der etwas von tödlicher Bedrohung gestammelt hatte.

Wie real die Gefahr ist, merken Nathalie und Simon schon bald, denn plötzlich werden sie mit Todesfällen konfrontiert. 
Und jedes Mal handelt es sich um Opfer grausamer, brutaler Gewalt. Beide sind sich einig, 
so schnell wie möglich diesem Sumpf entkommen zu wollen. 
Aber ihre Motive zur Klärung der Hintergründe sind völlig 
verschieden. Hinzu kommt, dass Simon gern die Polizei einschalten würde, Nathalie die 
Beamten aber scheut wie der Teufel das Weihwasser. Es wird eine gefährliche und mühsame 
Suche nach der Wahrheit, in 
vielerlei Hinsicht.

Es tun sich viele Fragen auf in diesem spannenden Roman, der zwischen Paris und Südfrankreich, Bulgarien und ein bisschen Deutschland pendelt. Auch wenn man natürlich ahnt, dass alle Handlungsstränge irgendwie zusammengeführt werden, ist doch lange nicht klar, wie die einzelnen Schicksale 
miteinander verknüpft sind.

Charlotte Link („Sechs Jahre“) hat in „Die Entscheidung“ einmal mehr belegt, warum sie mit mehr als 26 Millionen verkaufter Bücher zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen gehört – nicht nur im Spannungssegment.

Selbstlose Hilfe hilft dem Helfer selbst 

Man konnte durchaus erwarten, dass das Buch alle Voraussetzungen für einen guten Kriminalroman erfüllt, in dem die Frankfurterin auch kurz die tragischen Ereignisse um das Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ anreißt und die Geschichte somit in einen ziemlich aktuellen Kontext bettet. Aber die Story, die Simon zu der Entscheidung führt, einer ihm völlig fremden Frau selbstlos zu helfen, ist mehr als das.

Der nicht mehr ganz so junge Mann wird dadurch gezwungen, sich selbst einen Spiegel vorzuhalten, zu ergründen, warum er so unglücklich ist und warum in seinem Leben bisher fast nichts so funktioniert, wie er das gerne hätte. Mit seiner Entscheidung, anderen zu helfen, hilft er auch sich selbst.

Link hat nicht nur Simon auf eine Reise ins Ich geschickt. Aber bei ihm ist ihr das eindeutig am besten gelungen. Der Roman ist sehr atmosphärisch und auch bedrückend, was durch den perfekten Einsatz äußerlicher Gegebenheiten verstärkt wird: die Ödnis der verregneten und grauen Landschaft steht für die Stimmungslage der Protagonisten, der Nebel vom Meer für die Undurchsichtigkeit der Verbrechen, das von Schneemassen erdrückte Bulgarien für die Kälte vieler Menschen. Nur gut, dass sich auch zaghaft ein paar Sonnenstrahlen zeigen. Die stehen ganz klar für Hoffnung. Und nichts davon wirkt klischeehaft.

  • Charlotte Link: „Die Entscheidung“, Blan­valet Verlag, 576 Seiten, 22,99 Euro.

von Frauke Kaberka


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