Navigation:
Ticket-Shop Anzeigen- und Abo-Service

OP-Buchtipp: Gert Möbius: „Halt dich an meiner Liebe fest“

Rio Reiser: „Es ist niemand neben mir“

Er war der „König von Deutschland“ und ein 
Pionier der Berliner Hausbesetzer-Szene. Am 20. August vor 20 Jahren starb Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser.
Das Grab von Rio Reiser in Berlin. Der Bruder des Ton-Steine-Scherben-Sängers veröffentlicht Biografie des vor 20 Jahren gestorbenen Stars. Foto: Britta Pedersen

Das Grab von Rio Reiser in Berlin. Der Bruder des Ton-Steine-Scherben-Sängers veröffentlicht Biografie des vor 20 Jahren gestorbenen Stars.

© Britta Pedersen

Manche sahen in ihm den „König von Deutschland“ und den „ersten deutschen Rock’n’Roll-Hero“, aber auch einen „zerbrechlichen Iggy Pop“.

Der Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser, der vor 20 Jahren überraschend früh starb, war einer der bedeutendsten Musikpoeten und -rebellen der 60er bis 80er Jahre in der Bundesrepublik. Er schrieb mit Songs wie „Keine Macht für niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ auch bundesdeutsche Kulturgeschichte.

1994 veröffentlichte Reiser den ersten Teil seiner Erinnerungen, die (bis auf einen Nachtrag) in den 70er Jahren abbrechen. Jetzt hat sein Bruder, der Drehbuchautor Gert Möbius, eine komplette Biografie (samt eigener Geschichte) veröffentlicht. Der 1950 in Berlin geborene Rio Reiser, der mit bürger­lichem Namen Ralph Möbius 
hieß, fühlte sich der damals 
aufbegehrenden Jugend, aber keiner ideologischen Richtung wirklich verbunden.

Mit der Studentenrevolte 
der 68er hatte er wenig am Hut. „Lange Haare, Kiffen und Schwulsein“ war besonders bei den dogmatischen 
sogenannten „K-Gruppen“ seinerzeit „völlig inopportunes bour­geoises Gehabe“, wie Gert Möbius schreibt, was für den 
homosexuellen Reiser ein zusätzliches Problem bedeutete.

Aber ebenso wie die ideologischen und sexuellen Differenzen machte Reiser auch die Erwartung der Linken an die deutschen Rockmusiker zu schaffen, fühlte er sich doch zwischen künstlerischem Anspruch und den kommerziellen Erwartungen der Musikindustrie sowieso schon hin- und hergerissen. Prompt nahmen ihm viele Linke seine spätere „Popularisierung“ übel.

„Brudergetrübte“ Sicht

Reiser wollte auch bewusst populär und dennoch gesellschaftlich engagiert sein, im besten Sinne eben ein „Volkssänger“ nach seinem Verständnis. Auch ein „Pausenclown der Grünen“ wollte er nicht sein.
Der Titel des Bruder-Buches, „Rio Reiser“, mit der nach eige­nen Worten „brudergetrübten“ 
Sicht auf Rio, gibt nicht den ganzen Inhalt wieder. Denn Möbius erzählt einerseits natürlich die Geschichte des Sängers mit erstmals veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Rios (die auch einige Kürzungen vertragen hätten).

Er ruft aber auch mit lebhaften Bildern die eigene kleinbürgerliche Familiengeschichte in der frühen Bundesrepublik in Erinnerung, mit „Tante Emma“- oder „Kolonialwaren“-Läden, Tretrollern für 50 Pfennig leihweise, wo Zarah Leander, „Lili Marleen“ und „Landser“-Groschenhefte immer noch populär waren und wo die Nazi-Vergangenheit und auch die DDR „keine große Rolle“ spielten.

Ebenso erinnert Möbius an das soziokulturelle Leben im isolierten und später sogar eingemauerten West-Berlin, wo Reiser 1950 auch geboren wurde. Die Familie war lange auf beruflicher Wanderschaft des Vaters. Rio wollte eigentlich nicht zurück, in diesen „spießigen Trümmerhaufen“, in die „Stadt der verlorenen Seelen“, 
die im Westen in den späten 70er und in den 80er Jahren auch „eine einzige Disco“ gewesen sei.

Das Kreuzberg jener Jahre, das alte SO 36, war Sanierungsgebiet („Einzimmerwohnung mit Klo auf halber Treppe, ohne Dusche und Telefon“) und eigentlich zum weitgehenden Abriss freigegeben und damit auch Sammelpunkt der alternativen bis anarchistischen Szene, die Rio Reiser und seine Freunde magisch anzog („allet echte Proleten“).

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“ fiel vor allem dort auf fruchtbaren Boden. Hausbesetzer, Bethanien, Mariannenplatz, Oranienstraße, Türken, Naunynstraße und ein Tempodromzelt am menschenleeren Potsdamer Platz hießen jetzt die Schauplätze und Stichworte auch in Rio Reisers Leben, das bald auch von ersten Schallplattenerfolgen (und -misserfolgen) und Tourneen geprägt war.

Vereinsamung nahm zu

Sein Song „König von Deutschland“ machte ihn auch über die engere Szene hinaus bekannt und damit auch für Funk und Fernsehen interessant. Schließlich zog sich die Gruppe aber in einen alten Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen zurück, misstrauisch beäugt als möglicher „Terroristenunterschlupf“ in den aufgeheizten RAF-Baader-Meinhof-Fahndungszeiten.

Gert Möbius schildert aber auch einfühlsam und berührend die zunehmende Vereinsamung seines Bruders inmitten des beruflichen Trubels mit dem Auf und Ab von Erfolgen und Selbstzweifeln. „Die Droge, der Shit, der 
Alkohol“, Depressionen wurden 
 sein Begleiter.

„Es ist niemand neben mir“, notiert Rio. Die ewige Angst, nicht geliebt zu werden inmitten seiner wechselnden Männerfreundschaften. In dunklen Tagen wünschte er sich seine Grabinschrift „Verhungert auf der Suche nach Liebe“, fügte dann aber auch relativierend nüchtern hinzu: „Aber es gibt schon genug Menschen, auf 
deren Grabstein man das 
 schreiben kann“.

Der „König von Deutschland“ starb, zwar gesundheitlich bereits angeschlagen, aber dennoch völlig überraschend, im Alter von erst 46 Jahren am 20. August 1996 in Fresenhagen, wo er zunächst auch beigesetzt wurde. 2011 fand seine Umbettung auf den Berlin-Schöneberger St. Matthäus-Kirchhof statt, jener Kirchengemeinde, wo Ralph Möbius 1950 getauft wurde.

Teilnehmer der Trauerfeier im Berliner Tempodrom am 1. September 1996 waren unter anderem Herbert Grönemeyer, Blixa Bargeld, Marianne Rosenberg, Tim Fischer sowie die Gruppen Einstürzende Neubauten und Keimzeit. Ulla Meinecke sang einen der berühmtesten Rio-Reiser-Songs, „Junimond“, mit den Zeilen „Jetzt tut’s nicht mehr weh … Es ist vorbei, bye bye Junimond“.

  • Gert Möbius: Halt dich an meiner Liebe fest - Rio Reiser, Aufbau Verlag, Berlin, 352 Seiten, 22,95 Euro.

von Wilfried Mommert


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

150 Jahre OP




Geburtstagsgewinnspiel




Jubiläumsangebot




Sport-Tabellen




Spielerkader




Wanderserie 2016




zur Galerie

Fußballfotos vom Wochenende

Sonderveröffentlichungen




Spielplatz-Serie




LWL-Shop




Mit der OP durch das Gartenjahr




Blende 2016




Heimatprämie sichern!




Instagram

Meistgelesene Artikel

Schüler lesen die OP




Kommentare




OP kostenlos lesen




Der Online-Shop der OP




Städtewetter
Ihre Stadt/Ihr Ort
Tagestemperatur
°
Tiefsttemperatur
°
Regenprognose
%
Windstärke
km/h
Pollenflug
Ihre Wettervorschau
zur Galerie

Willkommen im Leben:

Die Transfers im Landkreis




Die OP-Serien

Radieschen haben 94 Prozent Wassergehalt und strotzen vor Vitalstoffen, unter anderem Vitamine A, B1, B2 und C sowie den Mineralstoffen Eisen, Calcium und Kalium. Foto: Inga Kjer/dpa Saisongarten

Vitamine satt bis in den frühen Winter

Die Beete in den Gärten sind weitgehend abgeerntet. Nun wird es Zeit, für den Herbst und Winter vorzusorgen. Den freien Platz kann man zur Neueinsaat nutzen. mehrKostenpflichtiger Inhalt



90 regionale Rezepte: Das Besser-Esser-Buch


Das Besser Esser Buch mit 70 regionalen Rezepten.

Die Grill-App der Oberhessischen Presse


Rostkost: Rezepte und Grilltechnik




  • Sie befinden sich hier: OP-Buchtipp: Gert Möbius: „Halt dich an meiner Liebe fest“ – Rio Reiser: „Es ist niemand neben mir“ – op-ma...