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Bayreuths neuer „Parsifal“

Plädoyer für mehr Menschlichkeit

Ansbach steht nach dem ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland unter Schock und im nahen Bayreuth unterbreitet Regisseur Laufenberg seinen ­Lösungsanschlag: Weniger Gott, mehr Mensch.
Der leidende Amfortas (Ryan McKinny, Zweiter von rechts) ist in Laufenbergs Inszenierung eine Christusgestalt. Mit dem „Parsifal“ haben in Bayreuth die Wagner-Festspiele begonnen. Foto: Bayreuther Festspiele

Der leidende Amfortas (Ryan McKinny, Zweiter von rechts) ist in Laufenbergs Inszenierung eine Christusgestalt. Mit dem „Parsifal“ haben in Bayreuth die Wagner-Festspiele begonnen.

© Bayreuther Festspiele

Bayreuth. Rund um das Festspielhaus in Bayreuth dreht sich nach dem ersten Selbstmordanschlag eines Islamisten in Deutschland alles um Sicherheit und Terrorangst. Der rote Teppich fällt nach den jüngsten Bluttaten in Bayern aus, der Staatsempfang auch.

Und im Festspielhaus ruft Regisseur Uwe Eric Laufenberg dem Publikum zu: Lasst das doch mit der Religion und konzentriert Euch aufs Menschsein. Eine Inszenierung, die an Aktualität kaum zu überbieten ist.

Laufenberg, vor zwei Jahren für den gefeuerten Skandalkünstler Jonathan Meese eingesprungen, hat am Montagabend bei den Richard-Wagner-Festspielen eine überaus religionskritische Version von Wagners Spätwerk „Parsifal“ auf die Bühne gebracht.

Kaum zu glauben, dass er das Konzept für seine Inszenierung schon vor Jahren eigentlich für Köln entwickelt hat. Seine humanistische Interpretation der Erlösungs-Oper erntet beim strengen Bayreuther Publikum Jubelstürme, nur gestört von sehr vereinzelten und in Bayreuth fast schon obligatorischen Buh-Rufen.

Ungewöhnlich viel
 Applaus für den Regisseur

Dass Laufenberg nur wenige Tage Zeit hatte, um Musik und Inszenierung in Einklang zu bringen – ebenso wie der kurzfristig für Andris Nelsons eingesprungene Dirigent Hartmut Haenchen – fällt nicht auf. Der Intendant des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden, der seine eigene Inszenierung im Publikum verfolgt hat, erntet am Schluss Schulterklopfen.

Und auch als er auf der Bühne steht, wird er beinahe so sehr gefeiert wie Haenchen, der mit insgesamt rund vier Stunden ziemlich schnell durch die drei Akte von Wagners letzter Oper führt.

Der Applaus für Laufenberg steht auch dem für das Sängerensemble in kaum etwas nach. Klaus Florian Vogt wird für seinen, passend zum anfangs naiven Parsifal, glockenhellen Auftritt gefeiert – auch wenn der Publikumsliebling blasser bleibt als im Ratten-„Lohengrin“ aus den vergangenen Jahren.

In Bayreuth, wo „Ring“-Regisseur Frank Castorf minutenlang ausgebuht wurde, ist eine solche Ehrerbietung für den Regisseur alles andere als eine Selbstverständlichkeit. In Laufenbergs Inszenierung bekommt jede monotheistische Religion ihr Fett weg.

Den ersten Aufzug der Erlösungs-Oper verlegt er in eine katholische Kirche irgendwo im Nahen Osten. Flüchtlinge scheinen dort auf Feldbetten Kirchenasyl gefunden zu haben. Doch sie gehen, bevor die Gralsritter ihren Riten nachgehen wollen, schließlich steht ja am Ende des ersten Aktes die feierliche Enthüllung des Heiligen Grals. Der erste Hinweis von vielen, dass die Religion in Laufenbergs Interpretation mehr sich selbst dient als den Menschen.

Nur die Kirche trübt den Blick auf das Paradies

Ein eingespielter Film auf einer Leinwand zoomt heraus aus der Kirche, links und rechts sind Feuerbälle zu sehen, die an Explosionen oder brennende Gebäude erinnern, der Zoom zieht weiter auf, zeigt die kleine Erde, bald die Sonne, das Weltall und rast wieder zurück auf diese verschwindend winzig kleine Kirche wohl irgendwo im türkisch-irakisch-syrischen Grenzgebiet.

Dort zelebrieren die Gralsritter ihren religiösen Ritus. Amfortas (Ryan McKinny), bei Laufenberg eine explizite Christusgestalt mit Dornenkrone und Wundmalen, liegt blutüberströmt auf einer Art Taufbecken, seine Ritter zapfen ihm das Blut ab.

Der zweite Teil spielt in einer Art orientalischer Wellness-Oase, in der die Blumenmädchen und Kundry vergeblich versuchen, dem „reinen Tor“ Parsifal seine Unschuld zu rauben. Die Blumenmädchen sind zunächst schwarz verschleiert. Bevor sie die Bühne betreten, sind sie hinter Gittern. Wer Islamkritik sucht, könnte sie hier finden. Doch sobald sich der Schleier verschiebt, könnte es sich auch um katholische Nonnen handeln. Laufenberg macht da keinen Unterschied.

Und ohnehin: Lange tragen die Mädchen die Verschleierung nicht, unter ihnen kommen Bauchtänzerinnen-Kostüme zum Vorschein. Die Kulisse wird zum Harem. Vorher trägt der entmannte Klingsor ein Kruzifix durch die Gegend, das in einem hölzernen Phallus endet. Das patriarchische Christentum als Ersatz für die verlorene Männlichkeit – ein netter Gedanke, wenn auch etwas plump vorgetragen.

Im dritten Akt ist die Kirche eine Ruine. Dahinter kommt das Paradies zum Vorschein, in dem nackte Evas unter einem Wasserfall duschen. Wenn nur die Überreste dieser Kirche nicht wären, man hätte einen ungetrübten Blick auf dieses Paradies. Zum Schluss, in der berühmten Erlösungsszene, beerdigen Muslime, Juden und Christen die Symbole ihrer Religionen. Kruzifix, siebenarmige Leuchter und liturgische Gegenstände landen im Sarg.

von Britta Schultejans


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