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Kinostart: „Captain Fantastic“

Mit sechs Kindern in der Wildnis

In einer Wildnis-Idylle zieht ein Aussteigerpaar seine sechs Kinder groß. Doch ein tragischer Tod holt die Familie in die Zivilisation zurück.
Ben erzieht seine Kinder fernab von der Zivilisation: Bo (George MacKay, von links), Rellian (Nicholas Hamilton, verdeckt) Ben (Viggo Mortensen), Vespyr (Annalise Basso) und Kielyr (Samantha 
Isler) in einer Szene in Captain Fantastic. Foto: Erik Simkins / Bleecker Street

Ben erzieht seine Kinder fernab von der Zivilisation: Bo (George MacKay, von links), Rellian (Nicholas Hamilton, verdeckt) Ben (Viggo Mortensen), Vespyr (Annalise Basso) und Kielyr (Samantha 
Isler) in einer Szene in Captain Fantastic.

© Erik Simkins / Bleecker Street

Der Titel täuscht. „Captain Fantastic“ ist kein Superheldenfilm im Stil von Comic-Figuren wie Captain America oder Captain Marvel. Doch der Independent-Film mit dem Untertitel „Einmal Wildnis und zurück“ hat viele starke Figuren und dazu eine packende Geschichte, die berührt, nachdenklich macht, aber auch zum Lachen bringt.

Der sechsfache Vater Ben Cash wird von seinen Kindern als „Captain Fantastic“ bewundert, geliebt und in Frage gestellt. Viggo Mortensen spielt den bärtigen, abgehärteten Mann, der seine Familie in der abgeschiedenen Wildnis im Nordwesten der USA großzieht.

Es geht mit „Action“ los: Der älteste Sohn Bodevan lauert einem Hirsch auf, den er mit bloßen Händen und einem Messer erlegt. Die Geschwister gratulieren, er hat die Initiation zum Mannsein gemeistert. Felswände hochklettern und lange Waldläufe gehören auch für die Jüngsten zum täglichen Überlebenstraining.

Roadtrip mit Wechselbad der Gefühle

Doch „Captain Fantastic“ ist keine Robinsonade wie „Herr der Fliegen“ oder eine Überlebens-Show wie „Expedition Robinson“. Die idealistischen Aussteiger-Eltern wollen ihre Kinder zu verantwortungsvollen Menschen erziehen. Am Lagerfeuer lesen sie „Die Brüder Karamasow“ oder „The Joy of Sex“, sie studieren Karl Marx und 
Noam Chomsky, sie spielen 
Gitarre und lernen Esperanto.

Der Selbstmord der an schweren Depressionen leidenden Mutter Leslie katapultiert sie allerdings in die reale Welt. Ben packt die Kinder in den klapprigen umgebauten Schulbus namens „Steve“. Ziel ist Arizona, wo Leslies konservative Eltern ihre Tochter „ordentlich“ in einem Sarg begraben wollen – gegen den letzten Willen der Buddhistin, ihre Asche in einer Toilette herunterzuspülen. Doch diesen Wunsch wollen die Kinder ihr noch erfüllen.

Es wird ein Roadtrip mit 
Hindernissen, bitteren Erkenntnissen und witzigen Erlebnissen. „Was ist Cola?“, fragt die kleine Zaja etwa bei ihrem ersten Stop in einer Raststätte. „Giftiges Wasser“, lautet die Antwort des Vaters. Warum 
sind viele Leute „so fett wie Nilpferde?“, wundert sich der jüngste Sohn im Shopping-Zentrum. Willkommen in der 
modernen Konsumgesellschaft.

„Captain Fantastic“ ist eine perfekte Gratwanderung zwischen Comedy und Drama. Es geht um Individualität und Anpassung, Familienwerte und Freiheit. Dabei wird die Aussteigeridylle genauso hinterfragt wie die moderne Gesellschaft.

Der amerikanische Regisseur Matt Ross erhielt für sein zweites Regiewerk in diesem Jahr viel Applaus bei Robert Redfords Sundance Filmfestival in Utah und bei den Filmfestspielen in Cannes. Dort holte der im kalifornischen Berkeley lebende zweifache Vater im Mai den Regiepreis in der renommierten Nebensektion „Un Certain Regard“.

Mortensen überzeugt – auch ohne Hose

Aus Filmen wie „American Psycho“ und „Aviator“ ist Ross auch als Schauspieler bekannt. Als Regisseur holt er aus seiner Nachwuchsriege nun das Beste heraus. Stark ist vor allem der 24-jährige Brite George MacKay, als ältester Sohn Bodevan, der schon in der Culture-Clash-Komödie „Pride“ auffiel. Hollywood-Veteran Frank Langella (78, „Frost/Nixon“) überzeugt in einer Nebenrolle als sturer Großvater, der seinen Wildnis-Schwiegersohn Ben verachtet.

Doch es ist Mortensen, der nach Werken wie „Herr der Ringe“ und „Tödliche Versprechen“ als „Captain Fantastic“ seine ganze Bandbreite zeigen kann: Als trauernder Witwer, sorgender Vater, eigensinniger Sonderling, arrogant und einsichtig, liebevoll und rechthaberisch zugleich.

Und nackt zeigt er sich auch noch. „Es ist nur ein Penis“, raunzt Ben die entsetzten Nachbarn in einem Wohnwagenpark an, als er morgens splitternackt aus seinem Bus steigt. Diese 
kurze Nacktszene und einige 
Textpassagen brachten dem Film in den USA den strikten R-Stempel der Filmbehörde MPAA ein.

Mit dieser Alterseinschränkung durften Jugendliche unter 17 Jahren nur in Begleitung 
Erwachsener den Film sehen. Eine völlig überzogene Zensur – „Captain Fantastic“ ist berührendes, unterhaltsames, humorvolles Kino, das Erwachsene und Teenager gleichermaßen zum Nachdenken anregt.

  • Der Film läuft im Cineplex und im Capitol-Center.

von Barbara Munker


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