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OP-Buchtipp: Mechtild Borrmann: „Trümmerkind“

Mehr als eine Familiengeschichte

Ein kleiner Junge, der im kriegszerstörten Hamburg auftaucht, steht am Beginn von Mechtild Borrmanns Roman „Trümmerkind“. Um dieses Kind 
herum erzählt sie eine 
Geschichte, die sich über Generationen spannt.
Die Krimi-Preisträgerin Mechtild Borrmann hat einen neuen Roman veröffentlich: „Trümmerkind“ ist Familiengeschichte und meisterhafter Krimi zugleich. Foto: Oliver Krato

Die Krimi-Preisträgerin Mechtild Borrmann hat einen neuen Roman veröffentlich: „Trümmerkind“ ist Familiengeschichte und meisterhafter Krimi zugleich.

© Oliver Krato

Hamburg, Anfang 1947. Auch eineinhalb Jahre nach Kriegsende ist die Hansestadt eine Trümmerwüste, in der sich die Menschen mehr schlecht als recht am Leben erhalten. Unter ihnen auch der Junge Hanno. 
Seit sein Vater Soldat wurde, ist er so etwas wie das Familienoberhaupt. Als solcher unterstützt er Mutter und Schwester, indem er durch die Trümmerhäuser streift und Verwertbares sammelt.

So auch an dem eiskalten Tag, an dem der Roman beginnt. Hanno bildet ein Team mit seiner kleinen Schwester. Sie passt auf die gefundenen Schätze wie Metallteile und Brennholz auf, während er in den zerstörten Häusern unterwegs ist. Aber an diesem Tag ist alles anders. Im Keller einer Ruine entdeckt er eine nackte Frauenleiche. Nichts wie weg, entscheidet er. Nicht, dass er wegen der Toten Angst hätte. Als Kriegskind sind für ihn Leichen nichts Ungewöhnliches. Aber seine Mutter hat ihm verboten, sich in den Ruinen aufzuhalten, seit es Geschichten über einen Mörder in den Trümmern gibt.

Besuch sorgt für Verwirrung

Aber so ganz leicht ist das Weglaufen nicht, denn neben seiner Schwester entdeckt Hanno einen kleinen Jungen. Das Kind sagt keinen Ton und wirkt völlig verängstigt. Nirgendwo ist 
jemand zu sehen, zu dem der Junge gehören könnte, also nehmen die Geschwister ihn mit zu ihrer Mutter. Diese beschließt, das Kind erst einmal aufzu­nehmen und ihm so das Leben zu retten. Wer der Junge ist und welche Geschichte sich hinter seinem plötzlichen Auftauchen verbirgt, will sie klären, wenn die Zeiten besser geworden sind.

Mit diesem kleinen Drama und seinem vorläufigen Happy End beginnt die Krimipreisträgerin Mechtild Borrmann (56) ihren neuen Roman „Trümmerkind“. Wie bereits in früheren Romanen verbindet die Autorin auch hier Episoden aus unter­schiedlichen Zeiten zu einer 
packenden Geschichte.

Von 1947 springt der Roman ins Jahr 1992, als eine Kölnerin in die Uckermark fährt, um sich den Gutshof anzusehen, auf dem ihre Mutter aufgewachsen ist. Diese will aber nichts davon wissen und reagiert aggressiv, wenn es um die Vergangenheit geht. Der Besuch in der Uckermark sorgt dann auch für Verwirrung. Einige Informationen passen nicht zueinander. Gibt es etwa nahe Verwandte, von denen die Mutter nie etwas erzählt hat?

Dann geht der Roman zurück zu der Hamburger Familie, die in ganz kleinen Schritten ihre 
Existenz in der harten Nachkriegszeit sichert. Borrmann erzählt sehr prägnant und stimmungsvoll vom Leben zwischen Ruinen, Schwarzmarkt und Besatzungssoldaten. Das Leben der Menschen schreitet voran, und der Blick in die Zukunft 
bekommt mehr Bedeutung als der in die Vergangenheit.

Die Erzählung geht dann noch einen kleinen Schritt zurück und schildert das Kriegsende in der Uckermark. Als die Rote Armee einmarschiert, muss eine Gutsbesitzerfamilie ihre Heimat verlassen und nach einiger Zeit begreifen, dass die alte Zeit nicht wiederkommen wird. Eine Neuorientierung, so unmöglich sie auch scheint, ist unumgänglich. Ein Mitglied dieser Familie ist die Mutter der Kölnerin, die fast 50 Jahre später auf der Suche nach eben dieser Vergangenheit ist.

Lange Zeit scheint „Trümmerkind“ in erster Linie ein Roman über Familien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu sein. Aber mit dieser Thematik begnügt sich Borrmann nicht. Die Nachforschungen in den 90er Jahren fördern immer mehr 
Widersprüche zutage. Und der mittlerweile erwachsene kleine Junge weiß immer noch nicht, wer er eigentlich ist. Je weiter die Menschen die Vergangenheit erkunden, umso verstörender wird diese. „Die Wahrheit nimmt einem nur den Frieden“, klagt einer der Männer, nachdem wieder einmal ein Puzzleteil ans Licht gekommen ist.

Die Suche der Figuren nach ihrer persönlichen Vergangenheit führt auch zu der Erkenntnis, dass „Trümmerkind“ ein meisterhaft konstruierter und ausgeführter Kriminalroman ist. Mehrere Verbrechen kommen ans Licht, die Einfluss auf das Leben der Menschen genommen haben. Erst nach langer Zeit entdeckt, können sie doch mit kriminalistischem Spürsinn aufgeklärt werden. Aber es ist besonders die 
Mischung aus historischem Roman, Familiengeschichte und Krimi, die „Trümmerkind“ zu einem Leseerlebnis macht.

  • Mechtild Borrmann: „Trümmerkind“, Droemer Verlag, 300 Seiten, 19,99 Euro.

von Axel Knönagel

 
 

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