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OP-Buchtipp: „Die Markus-Version“

Leichte Lektüre zu schweren Fragen

Wenn jemand noch Gott erfolgreich suchen kann, dann ein unbefangenes Kind. Es geht um bleischwere Fragen, um Philosophie, Literatur, Leben. Dennoch ist Peter Ester‑
hazys neues Buch keine Sonntagspredigt.
Der ungarische Autor Peter Esterhazy interpretiert in seiner „Markus-Version“ das Evangelium aus einer kindlichen Perspektive. Foto: Carmen Jaspersen

Wo bleibt die Auferstehung? In Peter Esterhazys neuem Buch „Die Markus-Version. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten“ wird sie nicht beschrieben. Dies wäre auch geradezu widersinnig gewesen. Denn die Auferstehung ist das Buch selbst, das Wort. Gott lebt, weil man über ihn spricht.

Außerdem schreibt – anders als in den Evangelien – Jesus die Heilsgeschichte bei Esterhazy selbst, als Ich-Erzähler. Er bleibt dabei höchst lebendig und nimmt die Ideengebäude fast der gesamten Menschheitskultur mit. Eine anregendere Oster-Lektüre als diese mag man sich gar nicht vorstellen, zumal auch Esterhazys Sätze trotz ihrer philosophischen Tiefe so federleicht daherkommen, dass jedes Kind sie versteht.

Viel Freiheit zur Interpretation

Sie sind ja auch von einem Kind geschaffen worden, in das sich der ungarische Schriftsteller hineinversetzt. Ein Kind, das stumm ist, wohl aus Respekt vor dem Wort. Im Johannes-Evangelium steht geschrieben: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh. 1, 1-3). „Das ist der Beginn. Beten konnte ich früher als sprechen“, sind die ersten Sätze bei Esterhazy. Bisweilen kehrt das Thema als Verballhornung wieder: „Im Anfang war kein Wort vom Gläschen“, heißt es in Anspielung auf die saufende Vater-Figur in der „Markus-Version“.

Dass Esterhazy (65) nicht das Johannes-, sondern das Markus-Evangelium quasi als Kind seines eigenen Textes adoptiert hat, dürfte an dessen Kürze liegen. Anders als die anderen drei Evangelisten schrieb Markus eine fast trocken nachrichtliche Heilsgeschichte und lässt dafür dem Leser viel Freiheit zur Interpretation.

Die Rahmenhandlung der „Markus-Version“ bildet Esterhazys Familiengeschichte: Als „Volksfeinde“ wurde er als Kind mit Eltern und Bruder von den Kommunisten in ein Dorf verbannt. Dort bieten ein Kruzifix über dem Bett und die gottesfürchtige Großmutter dem kindlichen Ich-Erzähler den ersten Kontakt mit der Religion und ihren granitschweren Fragen: Warum lässt Gott das Böse zu? Kann Gott tot sein, wenn er vorher nicht gelebt hat? Ist es logischerweise überhaupt möglich, seine Existenz zu leugnen?

„Wenn ich es aufschreibe, widerfährt es mir auch“

Die Antworten kommen von den Philosophen Heraklit, Spinoza, Friedrich Nietzsche, Ludwig Wittgenstein, von der Mystik, von den Literaten Jorge Luis Borges, Imre Kertesz, Stendhal und Albert Camus, ja sogar aus einem Film mit Al Pacino („Gott muss ein Genie sein“ in „Der Duft der Frauen“).

Soziologen könnten Beobachtungen aus der Welt des Aberglaubens bestätigt sehen, in der das gesprochene Wort als gefährlich gilt, weil es Geister beschwört und damit – wenn auch in der Imagination – Realitäten schafft. „Wenn ich es aufschreibe, widerfährt es mir auch“, sagt sich bang Esterhazys Ich-Erzähler. Alle Evangelisten verweisen darauf, dass in der Heilsgeschichte Worte der Propheten aus dem Alten Testament wahr werden.

Die „Markus-Version“ ist eine Art zweieiiger Zwillingsbruder der vor einem Jahr erschienenen „Mantel-und-Degen-Version“ von Esterhazy. Während im ersten Buch der liebe Gott eine schizophrene Katze umbringt und als gewaltbereites Monstrum der europäischen Geschichte zuschaut, ist er im neuen Buch ein Objekt kindlicher Suche. Esterhazy bedient sich dabei einer Kinderperspektive, die er intelligent erfunden hat, weil sie in Realitäten fußt: Lebensinhalt des Kindes ist das unbefangene Erleben, noch nicht das Deuten. Es kennt keine Hierarchie zwischen dem lieben Gott und einem Luftballon.

Letztlich ist Esterhazys Buch – wie schon seine bisherigen Werke – auch eine Lektion über das Wesen der Literatur. Die Fiktion und die Metapher entstehen nach Verbrechen, Kummer oder Unheil, von denen man durchSublimierung erlöst werden will. „Seit dem Tod meines Bruders sage ich häufiger ‚als ob‘. Als ob ich mit Vergleichen an ihn erinnerte“, berichtet der Ich-Erzähler, nachdem er seinen Bruder umgebracht hat. Zum Schluss ist der Schreiber der Gekreuzigte, der aber quicklebendig mit seinem Faber-Castell-Bleistift weiter schreibt.

  • Peter Esterhazy: „Die Markus-Version – Einfache Geschichte Komma hundert Seiten“. Hanser Verlag, 112 Seiten, 16,90 Euro.

von Kathrin Lauer


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