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OP-Buchtipp: Irma Nelles: „Der Herausgeber...“

Leben und Sterben des Rudolf Augstein

Der „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein war einer der großen und bedeutenden Publizisten der Bundesrepublik. Seine langjährige Assistentin beschreibt jetzt die private Persönlichkeit.
Wie war Rudolf Augstein als Mensch? Seine langjährige Vertraute Irma Nelles erinnert sich an den Spiegel-Herausgeber. Fotos: Aufbau Verlag, dpa

Wie war Rudolf Augstein als Mensch? Seine langjährige Vertraute Irma Nelles erinnert sich an den Spiegel-Herausgeber.

© Aufbau Verlag, dpa

Rudolf Augsteins Freunde meinten über den fünf Mal Verheirateten, er brauche „eine Frau, die Suppe für ihn kocht“, und lagen damit nicht ganz falsch.

Hatte der beruflich erfolgreiche „Spiegel“-Gründer und -Herausgeber doch einmal resigniert festgestellt, dass einem ja „nichts wirklich richtig“ gelinge. „Eine Frau, die mit einem Kind auf dem Arm am Gartenzaun steht und hinter mir her winkt, wenn ich zur Arbeit fahre. Das ist leider schiefgegangen.“

Eine der Frauen an seiner beruflichen Seite, die langjährige Assistentin und Büroleiterin Irma Nelles, sah das aus der Nähe etwas realistischer und meinte einmal, Augstein brauche eher einen Therapeuten. Jetzt hat Nelles (Jahrgang 1946) ihre Erinnerungen an den 2002 gestorbenen „Spiegel“-Patriarchen und ihre ungewöhnliche Beziehung veröffentlicht.

Schlaflosigkeit und „düstere Sprachlosigkeit“

Nelles bietet einen Blick hinter die Kulissen des redaktionellen „Spiegel“-Alltags und seiner Hauptakteure, auch mit ihrem Jetset-Leben zwischen Sylt und St.Tropez, in das Nelles mit ihrer Reiseschreibmaschine einbezogen wird, weil der Herausgeber immer was diktieren will oder einfach ihre Gegenwart genießt.

Vor allem aber entwirft Nelles ein aufschlussreiches Psychogramm des „Chefs“. Es ist das Psychogramm eines Mannes, der unter Schlaflosigkeit leidet und immer wieder in „düstere Sprachlosigkeit“ versinkt.

Er ertränkt seine Ruhelosigkeit und tiefe Schwermut oder Angst vor der Einsamkeit immer wieder in Alkohol, sitzt vor dem Fernseher und sieht sich alte Filme an, mit Vorliebe „Der dritte Mann“, philosophiert über die Vergeblichkeit im Leben und unterstellt den meisten Frauen, sie hätten nur sein Geld im Kopf. Vor allem aber kann er seine Kriegserlebnisse als 18-jähriger Soldat in der Ukraine und im zerbombten Dresden nicht vergessen.

Entlassen, eingestellt, gekündigt

Es ist auch das Buch einer seltsamen Beziehungsgeschichte, beruflich und privat. Er will Sex, wovon sie nichts wissen will, sie ist liiert. Augstein versteht das nicht, sie solle sich nicht so anstellen, „zwei Mal in der Woche, wie Luther schon sagte“, sei doch nicht zu viel verlangt. Sie bleibt trotzdem, er fördert sie auch.

Vor allem gegen Ende wird sie es sein, die ihm eine unentbehrliche Hilfe ist. Sie wohnt zeitweise im Gästezimmer seiner Villa. Dann wirft er sie auch wieder raus, entlässt sie fristlos, stellt sie wieder ein. Sie kündigt selbst, „allerdings nur innerlich“. Manchmal liest sich das wie eine Dokusoap.

Es gelingt Nelles nach eigenen Worten aber nur selten, mit Augstein „ernsthaft über seine Befindlichkeiten zu reden“, er wirkt im Gespräch oft abwesend, womit der „Spiegel“-Chef keine große Männer-Ausnahme gewesen sein dürfte.

Nelles begleitet auch Augsteins berufliche Kämpfe wie den Widerstand im Hause gegen den von Augstein schließlich durchgesetzten neuen Chefredakteur Stefan Aust oder die unermüdliche Kommentatoren-Tätigkeit des Herausgebers für sein Blatt. „Er war ein unabhängiger Geist, der nie erwartete, daß der ,Spiegel‘ ihm immer folgte, daß das Blatt immer auf seiner Linie lag“, betonte Aust in seinem Augstein-Nachruf 2002.

„Ich lebe zu lange“

Der Mensch Augstein erscheint in den Erinnerungen seiner Mitarbeiterin und Vertrauten in berührender, fast tragischer Weise – vor allem in seinen letzten Lebensjahren, die von gesundheitlichen Problemen überschattet waren.

Nach der Diagnose einer Augenerkrankung fürchtete Augstein zu erblinden, immer mehr sollte oder musste ihm vorgelesen werden. Er entschuldigt sich dafür, nicht mehr jeden zu erkennen, den er früher mal gekannt habe. „Ich war mal Chefredakteur bei dir“, erinnert ihn ein Gesprächspartner.

1999 meint Augstein, „nun geht es Gott sei Dank zu Ende“, und: „Ich lebe zu lange.“ Augstein resümiert sein Leben – er habe doch den interessantesten Beruf gehabt, den man sich denken könne. Seine Memoiren hat Augstein nicht geschrieben. Er stirbt 2002 mit 79 Jahren. Einen neuen Herausgeber hat der „Spiegel“ nicht, im Impressum steht immer noch „Rudolf Augstein 1923 – 2002“.

  • Irma Nelles: „Der Herausgeber – Erinnerungen an Rudolf Augstein“, Aufbau Verlag, 320 Seiten, 22,95 Euro.

von Wilfried Mommert


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