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OP-Buchtipp: David Lagercrantz: „Der Sündenfall von Wilmslow

Krimi und Zeitporträt zugleich

Der Stieg-Larsson-Roman „Verschwörung“ hat den Schweden David Lagercrantz weltbekannt gemacht. In seinem Roman „Der Sündenfall von Wilmslow“ greift er auf einen realen Todesfall 
zurück.
Der schwedische Journalist und Autor David Lagercrantz hat 
einen neuen Krimi geschrieben. Fotos: Fredrik Sandberg, Piper Verlag

Der schwedische Journalist und Autor David Lagercrantz hat 
einen neuen Krimi geschrieben.

© Fredrik Sandberg, Piper Verlag

England 1954. In der kleinen Stadt Wilmslow nahe Manchester wird ein Mann tot in seiner Wohnung gefunden. Die Obduktion ergibt, dass er an einer Vergiftung mit Zyankali starb.

Der junge Kriminalbeamte Leonard Corell soll aufklären, ob es sich bei dem Todesfall um einen Unfall, Selbstmord oder gar Mord handelt. Ein angebissener Apfel, an dessen Schale Gift klebte, war auf jeden Fall der Auslöser.

Wie einen klassischen Krimi lässt David Lagercrantz, der 2015 mit der Fortsetzung der berühmten Millennium-Krimireihe von Stieg Larsson Aufsehen erregte, seinen Roman „Der Sündenfall von Wilmslow“ beginnen. Aber schon bald merkt der Polizist Corell, dass der Tote ein ungewöhnlicher Mann war.

Rätsel um Enigma

Er hieß Alan Turing, war Wissenschaftler und arbeitete angeblich an einer Maschine, der er das eigenständige Denken beibringen wollte. Seine Recherchen lassen Corell ratlos, so dass er sich immer tiefer in den Fall hineinarbeitet.

Zwei wichtige Informationen macht der Ermittler ausfindig, die ihn der Wahrheit näher bringen, ohne jedoch eine Erklärung für den Tod des Mannes zu liefern. Zum einen erfährt er, dass Turing vorbestraft war. Er war homosexuell, und dies auszuleben war damals auch in Großbritannien strafbar. Um einer Haftstrafe zu entgehen, hatte er in eine erniedrigende medizinische Behandlung eingewilligt.

Noch faszinierender ist für Corell der Hinweis, dass Turing während des Krieges einen wichtigen Beitrag zur Entschlüsselung deutscher Geheiminformationen leistete. Corell weiß lange Zeit nicht, dass Turing eine zentrale Rolle bei der Entwicklung eines Geräts spielte, das die Verschlüsselung der deutschen Enigma-Geräte möglich machte. Dieses Gerät versetzte die Briten in die Lage, die deutsche Marine wirksam zu bekämpfen.

Je länger er recherchiert, umso faszinierter ist Corell von Turing. Er versucht sogar, dessen wissenschaftliche Arbeiten zu verstehen. Dabei übersieht er, dass er in seinem Eifer eine Reihe von Grenzen überschreitet und so mehrfach Alarm bei seinen Vorgesetzten und dem Geheimdienst auslöst.

Spione lauern überall

Immerhin war Turings Arbeit während des Krieges Geheimsache. Erst allmählich wird dem Polizisten bewusst, dass sein anfänglich rein berufliches Interesse immer mehr zu einer persönlichen Angelegenheit geworden ist.

Durch die Reaktionen von Corells Kollegen und der Menschen, mit denen er beruflich zu tun hat, lässt Lagercrantz ein Porträt der britischen Gesellschaft in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entstehen.

Immer präsent sind der Kalte Krieg und die Bedrohung, die von Spionen ausging. Und die engen Moralvorstellungen der Gesellschaft sind sowohl äußerer Rahmen als auch mitbestimmender Faktor für das Verhalten der Menschen.

Leonard Corell ist die handelnde Figur in den meisten Szenen, aber die eigentliche Hauptfigur des Romans ist Alan Turing. Auch wenn das Buch mit seinem Tod beginnt, so ist er doch auf praktisch jeder Seite präsent und erhält ein angemessenes Porträt in der Form eines komplexen Romans, so wie es „The Imitation Game – ein streng geheimes Leben“ bereits für das Genre Film präsentierte.

  • David Lagercrantz: „Der Sündenfall von Wilmslow“, Piper Verlag, 464 Seiten, 22 Euro.

von Axel Knönagel


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