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Wolfgang Schorlau stellte den Krimi „Die schützende Hand“ vor

Im Dickicht der NSU-Akten

Der Kriminalromanautor Schorlau las im proppenvollen TTZ aus seinem neuen Werk und berichtete über seine Recherchereise tief in die internen Unterlagen der NSU-
Untersuchungsausschüsse und Ermittler.
Vor vollem Publikumssaal zeichnete der Kriminalromanautor seine Recherchereise zu den NSU-Terrorhintergründen im TTZ nach. Foto: Arnd Hartmann

Vor vollem Publikumssaal zeichnete der Kriminalromanautor seine Recherchereise zu den NSU-Terrorhintergründen im TTZ nach.

© Arnd Hartmann

Marburg. Italienischer Barolo, Bluesmusik und die Heimatstadt Stuttgart: Drei wesentliche Gemeinsamkeiten, die Autor Wolfgang Schorlau mit seinem Privatermittler Georg Dengler teilt. Dengler ist die Hauptfigur seines neuen Romans „Die schützende Hand“. Notorisch pleite und von Geldnöten getrieben, stürzt er sich in seinen wohl größten Kriminalfall der Nachkriegsgeschichte.

Ein unbekannter Auftraggeber setzt den Privatermittler Dengler auf die Spur. „Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“, titelt der Roman zu Beginn. Gestützt auf die realen Fakten der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sowie spekulativen Manipulationen der Thüringer Staatsschutzbehörden und ungeklärten Ereignissen, recherchierte Schorlau für Denglers achten Fall mit professioneller Hilfe.

Einer der politischsten Krimi-Autoren Deutschlands

In der Reihe „Obacht! Dieser Krimi ist politisch“, luden die Kulturelle Aktion Marburg, die Buchhandlung Roter Stern sowie der Rosa-Luxemburg-Club und Extremes Lesen zur Buchpräsentation ins Technologie- und Tageszentrum ein. „Das Buch beginnt mit dem schlimmen Attentat in der Kölner Keupstraße. Dort wo auch zuerst gegen die Angehörigen ermittelt wurde. Das hätten auch Sie, Sie oder Sie sein können“, führte Gastgeber Manfred Paulsen in die NSU-Thematik ein.

Schorlau, einer der politischsten Krimi-Autoren Deutschlands, beschäftigt sich in „Die schützende Hand“ mit einem schier undurchdringlichen Fall aus Ermittlungsergebnissen und angeblicher Vertuschung der Staatsbehörden. Seinen Ermittler habe er „erst umgarnen“ müssen, „um diesen Fall anzupacken“. Im Roman sind dies zwei anonyme Umschläge, in einem 15.000 Euro, in dem anderen ein Handy. Der Verlockung konnte sich sein Hauptcharakter nicht entziehen. „Ich sehe dies als meinen Trick, indem ich Dengler zu seinem Auftrag verholfen habe“, scherzte Schorlau.

Schorlau beschäftigt sich mit der Frage, ob die angeblichen Selbstmorde der beiden männlichen Mitglieder des NSU-Trios der Wahrheit entsprechen. Ungeklärt seien bis heute die merkwürdigen Vorgänge bei der Spurensicherung von Polizei und Verfassungsschutz, sagte Schorlau.

Weshalb die Beamten am vierten November 2011 in einem Eisenacher Wohngebiet den Wohnwagen der Selbstmörder ohne Spurensicherung abschleppen ließen und unbewacht über Stunden bei dem Abschleppunternehmen parkten, wirft bis heute Fragen auf.

„Ich habe auch ein bisschen genauer nach Thüringen geschaut “

Fehlende Indizien von Blutspuren, Fingerabdrücken auf der Tatwaffe und zu viele Patronenhülsen nutzte Schorlau, um aus den fehlerhaften Untersuchungsberichten eine spektakuläre Story immer in Anlehnung an reale Fakten für seinen Privatermittler zu schaffen. „Ich habe keine vernünftige Erklärung“, sagte Schorlau über die Dokumentation des Tathergangs, welche so viele Ungereimtheiten aufweist.

In die fiktive Krimihandlung bindet Schorlau Akten diverser Untersuchungsausschüsse ein. „Ich habe auch ein bisschen genauer nach Thüringen geschaut und mit Polizisten gesprochen“, sagte Schorlau über seine Recherchereise. Im Netz aus Verbindungsleuten der Neonaziszene, des Verfassungsschutzes und Opfern des NSU findet die Romanfigur Dengler seinen Gegenspieler Harry Nopper, Vizepräsident des Thüringer Verfassungsschutzes. Schicht für Schicht deckt der Privatermittler über alte Kontakte die Anatomie eines Staatsverbrechens auf, bis sich am Ende die Frage auf Leben und Tod stellt.

„Es gibt eine Verpflichtung gegenüber den Opfern und der Öffentlichkeit“, sagte Schorlau später am Ende der Gesprächsrunde. Ob er aufgrund seiner Recherche zur Zielscheibe von Kritik und Bedrohung wurde, fragten die Zuschauer aus dem Publikum. „Bisher noch nie, und darüber bin ich auch sehr froh“, konstatierte Schorlau, der sich bereits für seinen nächsten Krimi in die Untiefen von Politik und Staatsgeheimnissen begibt.

  • Wolfgang Schorlau: „Die schützende Hand“, 384 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 14,99 Euro.

von Arnd Hartmann


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