Navigation:
Ticket-Shop Anzeigen- und Abo-Service

OP-Buchtipp: Thomas de Padova: „Allein gegen die Schwerkraft“

Genial, gemein und pazifistisch

Mit der Relativitätstheorie hat Albert Einstein die vielleicht größte Einzelleistung in der Geschichte der modernen Wissenschaft vollbracht hat. Die Zahl der Bücher über ihn ist fast unüberschaubar geworden.
Das Foto zeigt den deutschen Physiker Albert Einstein, Schöpfer der Relativitätstheorie, im Jahr 1946. Eine neue Biografie beschäftigt sich mit seiner Berliner Zeit. Foto: dpa

Das Foto zeigt den deutschen Physiker Albert Einstein, Schöpfer der Relativitätstheorie, im Jahr 1946. Eine neue Biografie beschäftigt sich mit seiner Berliner Zeit.

© dpa

Albert Einstein war genial, gemein und pazifistisch. Als Wissenschaftler erhielt er den Nobelpreis für Physik, als Ehemann und Vater war er weitgehend ein Versager und als entschlossener Kriegsgegner hielt er im Ersten Weltkrieg in der damaligen Reichshauptstadt, umgeben vom Hurrageschrei auch vieler Kollegen, tapfer stand.

Einstein entwickelte vor 100 Jahren seine Relativitätstheorie, die von vielen als „die größte Einzelleistung in der Geschichte der modernen Wissenschaft“ angesehen wird. Gleichzeitig war der Wissenschaftler angesichts der Kriegsgräuel tief erschüttert darüber, „welch trauriger Viehgattung man angehört“. Auch die „feingebildeten“ Deutschen bildeten „die beste Gewähr für die Aufrechterhaltung des politischen Sumpfes“, notierte der „moderne 
 Kopernikus“ 1915. „Die Professoren haben in diesem Krieg zur Evidenz gezeigt, daß man von ihnen in politischen Dingen nichts lernen kann.“

Besonders sein Förderer Fritz Haber enttäuscht ihn, als der sich als nationalistischer „Vater der Gaskriegsforschungen“ entpuppt. Zitiert werden die Sätze vom Autor Thomas de Padova in seiner neuen Einstein-Biografie „Allein gegen die Schwerkraft“, die sich nur den Jahren Einsteins im Ersten Weltkrieg in Berlin widmet.

Die private Seite des genialen Wissenschaftlers

„9.11. – fiel aus wegen Revolution“, trägt der leidenschaftliche Pazifist und „Obersozi“ unter den Akademikern, wie Einstein sich selber sah, am 9. November 1918 in sein Berliner Vorlesungsverzeichnis ein. An jenem Tag, an dem Karl Liebknecht vom Berliner Schloss gegenüber der Universität und Philipp Scheidemann vom 
nahegelegenen Reichstag nach dem Sturz der Monarchie die Republik ausrufen.

Über diese turbulenten Jahre 
auch in Einsteins Leben hat der Autor weder eine schwergewichtige Biografie noch eine oberflächliche Daten-Fakten-Anekdotensammlung geschrieben. Vielmehr gibt er einen gut lesbaren und doch anspruchsvollen und aufschlussreichen Einblick in Einsteins entscheidende Berliner Jahre zwischen Physik, Musik, Eheproblemen und politischer Weltlage.

Dabei gelingt de Padova das Kunststück, sowohl Einsteins Relativitätstheorie dem „Normalleser“ anschaulich näherzubringen als auch den politisch-gesellschaftlich engagierten wie auch den privaten Menschen mit seinen Vorzügen und Schattenseiten, besonders im Umgang mit Frauen und Familie, darzustellen.

Der Autor zitiert auch ein „schäbiges Dokument“ des „tyrannischen Ehegatten“ (de Padova), der andererseits aber auch Frau und Kindern in der Schweiz, von denen er sich trennen will, anbietet, das Preisgeld eines möglichen Nobelpreises, mit dem der Physiker fest rechnet, im Voraus abzutreten. Er wird seit Jahren für den Nobelpreis ins Gespräch gebracht, 1921 ist es soweit.

Am gleichen Tag, an dem Einstein in Berlin einen Vortrag über Quantenphysik hält, bereitet er die Trennung von seiner ersten Frau vor, mit Verhaltensmaßregeln für die Zukunft – sie soll ihn vor allem nicht mehr belästigen.

Von Zürich ins große Berlin

Als Einstein nach Berlin gerufen wird, gilt die aufblühende Hauptstadt des deutschen Kaiserreiches als Mekka 
der internationalen Wissenschaft. Dem jungen Physiker wurde im Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem von Kollegen wie Fritz Haber und Max Planck, deren politischen „Hurrapatriotismus“ Einstein nicht teilte, der Rote Teppich ausgerollt mit außerordentlich großzügigen Konditionen.

Aber Einstein hatte auch private Gründe, von Zürich nach Berlin zu wechseln. Es zog den unglücklich gewordenen Ehemann zu seiner Cousine, die er später auch heiraten sollte – nachdem er schwankte, ob er nicht doch lieber deren Tochter heiraten sollte.

Das Tempo und die Größe der Stadt waren ihm fremd, die Berliner seien roh und primitiv, ohne „persönliche Kultur“. Und erst das preußische Militär: Wenn jemand Freude daran habe, bei Musik in Reih‘ und Glied zu marschieren, dann habe er sein Gehirn nur irrtümlich bekommen.

Aber der Wissenschaftler fand in Berlin seinen Freiraum für seine Forschungen über Schwerkraft, Zeit und Raum, die nicht weniger als ein neues 
Weltbild zum Ziel hatten und die Vorstellungen vom Universum verändern sollten.

Ein katastrophaler Vater 
mit tiefem Mitgefühl

Zwischendurch eilte er mit dem Geigenkasten unter dem Arm durch den Grunewald zu Hauskonzerten in der Villa von Max Planck. Sein geistiges, 
quasi virtuelles „Arbeitszimmer“ hatte er aber überall, wie er es einmal sagte. Ihn trieb der Gedanke um, dass unter dem Einfluss der Gravitation die Zeit zum Stillstand kommen könnte. Inmitten der schlimmsten Phase des Krieges bei Verdun und an der Somme vertieft sich Einstein in seine Physik.

„Im Krieg traten einige Facetten seiner komplexen Persönlichkeit besonders zum Vorschein“, betont der Autor in seinem Nachwort. Dazu gehörten „sein tiefes Mitgefühl und seine geistige Unabhängigkeit bis hin zur Eigenbrötlerei, sein soziales Verantwortungsbewusstsein und seine verstörende Abwesenheit als Vater, seine Heimatlosigkeit und seine Solidarität mit dem Judentum“ wie auch seine Aversion gegen alles Militärische, „sein elitäres Bewusstsein und seine 
Bescheidenheit, sein Sarkasmus wie auch eine tiefe Melancholie“.

Vor allem aber habe Einstein auch in Fragen der Politik den Mut gehabt, „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Dafür avancierte er nach dem Krieg zu einer Leitfigur und wurde im brodelnden Berlin der Weimarer Republik zu einem Medienstar. Bis zuletzt hoffte Einstein zusammen mit anderen Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern wie Käthe Kollwitz, Heinrich Mann oder Arnold Zweig auf eine antifaschistische Einheitsfront, vergeblich. Er emigrierte schließlich wie nach ihm Thomas Mann und viele andere in die USA.

  • Thomas de Padova: „Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918“, Hanser 
Verlag, 309 Seiten, 21,90 Euro.

von Wilfried Mommert


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Anzeige




Jubiläum




Wünsche




Terra-Tech




Lokschuppen-Sanierung

Lokschuppen-Sanierung: Sollten Marburger über die Umsetzung eingereichter Projektangebote abstimmen dürfen?

Sport-Tabellen




Spielerkader




zur Galerie

Fußballfotos vom Wochenende

Sonderveröffentlichungen




Spielplatz-Serie




LWL-Shop




Mit der OP durch das Gartenjahr




Blende 2016




Heimatprämie sichern!




Instagram

Meistgelesene Artikel

Schüler lesen die OP




Kommentare




OP kostenlos lesen




Der Online-Shop der OP




Städtewetter
Ihre Stadt/Ihr Ort
Tagestemperatur
°
Tiefsttemperatur
°
Regenprognose
%
Windstärke
km/h
Pollenflug
Ihre Wettervorschau
zur Galerie

Willkommen im Leben:

Die Transfers im Landkreis




Die OP-Serien

Mmmm, wie das duftet! Das Rezept für diesen saftigen Stollen finden Sie unten im Text. Foto: Hartmut Berge Besser Esser

Christstollen: Ein Gebäck fürs ganze Jahr

Als die OP Mike Schmidt in der Backstube besucht, riecht es nach Rosinen und Mandeln. Der 39-Jährige macht das, was seine Vorfahren schon vor rund 180 Jahren in der Vorweihnachtszeit praktizierten: Er backt Stollen. mehrKostenpflichtiger Inhalt

In 12 Schritten zum perfekten ChriststollenGalerie   



90 regionale Rezepte: Das Besser-Esser-Buch


Das Besser Esser Buch mit 70 regionalen Rezepten.

Die Grill-App der Oberhessischen Presse


Rostkost: Rezepte und Grilltechnik




  • Sie befinden sich hier: OP-Buchtipp: Thomas de Padova: „Allein gegen die Schwerkraft“ – Genial, gemein und pazifistisch – op-marbur...