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OP-Buchtipp: Patrick Modiano - „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“

Frankreich feiert „Erinnerungskünstler“

Erinnerungskünstler und Nobelpreisträger Patrick Modiano geht in seinem jüngsten Roman wieder auf Spurensuche nach seinem vergangenen Leben. „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ wurde in Frankreich als Krönung seines Könnens gefeiert.
Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano wird in seiner Heimat als melancholischer Poet gefeiert. Foto: EPA/Patrick Kovarik

Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano wird in seiner Heimat als melancholischer Poet gefeiert.

© EPA/Patrick Kovarik

Marburg. Ein wiedergefundenes Adressbuch, eine ungültige Telefonnummer und ein rätselhafter Name. In „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ wandelt Patrick Modiano wieder auf den Wegen seiner halb imaginären Vergangenheit – detektivisch und leichtfüßig, wie in jedem seiner mittlerweile über 30 Büchern. Als „kleine Perle“ wurde der Roman in Frankreich im vergangenen Herbst gefeiert.

Er sei ein Konzentrat dessen, was Modiano seit fast 50 Jahren an schöner Literatur produziert habe, begeisterten sich Frankreichs Kritiker. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung wurde Modiano der Nobelpreis zuerkannt. In Deutschland ist der Bestseller zum 70. Geburtstag des Erinnerungskünstlers erschienen.

Erinnerungsfetzen und Rätsel

„Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ beginnt mit dem schrillen Klingeln eines Telefons. Am Ende der Leitung ein Fremder, der Jean Daragane wegen seines Adressbuches kontaktiert, das der alternde Schriftsteller verloren hat. Daragane fühlt sich in der Zurückgezogenheit seiner Pariser Wohnung gestört und von der Stimme bedroht.

Dennoch lässt er sich zu einem Treffen mit dem Unbekannten überreden. Dieser will von Daragane wissen, wer Guy Torstel sei, dessen Telefonnummer er in dem Büchlein beim neugierigen Durchblättern entdeckt habe. Blitzartige Erinnerungsfetzen an Ereignisse, Orte und Namen drängen sich Daragane wieder auf, darunter auch der einer Annie Astrand.

Kunst des Verwirrspiels

Eine junge Varietétänzerin und Freundin seiner Mutter, die sich mehrere Monate um ihn gekümmert hatte, als er noch ein Kind war, bevor sie nach Italien fliehen wollte. Auf sie spitzt sich die Recherche des Ich-Erzählers Daragane von Kapitel zu Kapitel zu. In gewohnter und gekonnter Erzählmanier zieht Modiano den Leser in den Sog seiner Erinnerungen: das Passfoto eines Kindes taucht auf, bekannte Personen, eine Polizeiakte. Dennoch nimmt das Puzzle keine konkrete Form an, bleiben die Spuren verschwommen.

Warum der Ich-Erzähler mit Annie Astrand in einem Haus wohnte, wo nachts Männer ein und aus gingen, bleibt offen. Und der mysteriöse Telefonanrufer verschwindet ebenso plötzlich wieder, wie er aufgetaucht ist. Der Leser verirrt sich in dem Hin und Her zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kunst des Verwirrspiels, die der Autor meisterhaft beherrscht.

Auf 160 Seiten erzählt Modiano auch wieder seine Lebensgeschichte, die eines Jungen, der von seinen Eltern, einem jüdischen Vater, der als Kollaborateur der Deportation entkam, und einer flämischen Mutter, die Schauspielerin war, häufig zu Freunden oder in Internate abgeschoben wurde. Der Ich-Erzähler Daragane ist ein betagter und menschenscheuer Schriftsteller, so wie Modiano, der die Öffentlichkeit meidet.

„Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ liest sich wie ein Kriminalfall ohne Ende. Ein melancholischer Poesie-Genuss, wie Frankreichs Presse schrieb.

  • Patrick Modiano: „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“, Carl Hanser Verlag, 160 Seiten, 18,90 Euro.

von Sabine Glaubitz


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