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Juden-Deportation vor 70 Jahren

Es ist unvorstellbar und doch ganz real

„Was stellen wir uns vor, wenn wir uns vorstellen, wie es gewesen sein könnte? Diese Frage zieht sich leitmotivisch durch das zutiefst anrührende Stück „Wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut“.
Das Gespräch zwischen Nisse Kreysing (von links), Christoph Müller-Kimpel, Rolf Michenfelder und Anna Krauß lässt keinen Besucher unberührt.

Das Gespräch zwischen Nisse Kreysing (von links), Christoph Müller-Kimpel, Rolf Michenfelder und Anna Krauß lässt keinen Besucher unberührt.

© Heike Döhn

Marburg. Die Theatergruppe german stage service und die Marburger Geschichtswerkstatt boten einen sehr interessanten Beitrag zum 70. Jahrestag der Deportation jüdischer Mitbürger aus hiesigem Landkreis.

Ja, was stellen wir uns vor? Können wir uns das überhaupt vorstellen? Und vor Augen führen wie es gewesen sein könnte, den 18. Geburtstag zu feiern, während der Vater im Lager ist und die Mutter gerade aus der Haft zurück, so wie die von Neustadt nach Roth zwangsumgesiedelte Edith Levi, die eine Woche nach ihrem Geburtstag deportiert wird in Richtung ihres sicheren Todes. Oder was in Friedrich Löwenstein vorging, dem Metzgerssohn aus Fronhausen, der seinen 16. Geburtstag im Sammellager in Kassel verbringt, von wo aus er im selben Zug wie Edith ins Ghetto in Riga gebracht wird, drei Tage und drei Nächte in einen Waggon gepfercht.

Sie könnten heute Großmütter und Großväter sein, die unter uns leben, wenn sie nicht als Juden dem Vernichtungswahn der Deutschen zum Opfer gefallen wären. Die Geschichtswerkstatt hat den Theatermachern die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungen überlassen, die biographischen Daten zu den Menschen, die aus dem Landkreis in die Ghettos und Lager deportiert wurden, in denen sie ermordet wurden.

Regisseur Rolf Michenfelder hat einige dieser Menschen aus der das Vorstellungsvermögen sprengenden Menge von Ermordeten herausgeholt und bringt sie dem Publikum im Theater im G-Werk ganz nahe. Ausgehend von den Daten der Deportationen, den Geburtstagen und parallelen Geschehnissen in Nazi-Deutschland versucht er, Unvorstellbares ans Licht zu holen.

Er selbst und drei weitere Darsteller- Anna Krauß, Nisse Kreysing und Christoph Müller-Kimpel - schlüpfen dabei nicht in Rollen, sondern sind Stimme und Träger für die Geschichten von Menschen wie der achtjährigen Ilse Goldschmidt, an die sich Fronhäuser noch erinnern können, wie sie mit all ihren Kleidern übereinander von ihrer Straße zum Bahnhof ging.

Sehr innerlich, ruhig und ohne Pathos holen die vier diese Menschen ganz nah zu uns heran, und immer wieder fordern sie ihr Publikum auf, sich vorzustellen wie das sein könnte, beispielsweise bei minus 42 Grad in Riga anzukommen und das Blut der lettischen Juden noch in den zugewiesenen Häusern vorzufinden.

Bleiern senken sich ihre Worte in den Raum, wenn sie aus dem Tagebuch von Joseph Goebbels zitieren, aus Hitlers Tischgesprächen zur “Judenfrage“ und den Rechtfertigungsversuchen der Mörder.

Man fragt sich mit ihnen, was wohl geschehen ist in den drei Tagen im Waggon, neben Angst und Verzweiflung. Was es für Begegnungen gegeben haben könnte. Ob es Trost gab. Ganz zarte und sparsame Bilder gibt es, zum Beispiel wenn die Schauspieler Zigarettenrauch wie einen Kuss und Todeshauch zugleich von Mund zu Mund gehen lassen.

Überlebende schildern, wie sie weiter leben können

Zweimal kommen Menschen zu Wort, die das Unvorstellbare tatsächlich erlebt haben - in Filmausschnitten konfrontieren zwei alte Frauen , die den Holocaust überlebt haben, den Zuschauer mit der Frage, wie man leben kann mit diesen Erinnerungen, und das Leben sogar feiern. Dass die, die aus unseren Nachbarshäusern in den Tod gegangen sind, nicht nur Opfer sind, dass sie ein Leben hatten, Gefühle, Wünsche, Stolz, Hoffnung, das wird ganz präsent.

Und so wird auch die Trauer um diese unvollendeten Leben lebendig und in das Jetzt gerückt. „Wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut“ war nur zweimal am vergangenen Wochenende zu sehen, weitere Termine sind noch nicht geplant. Aber dieses Stück sollte noch oft gezeigt werden, an vielen Orten, jenseits von Gedenktagen.

Denn die 1699 Kilometer von Roth nach Riga, die können wir uns ebenso wenig wirklich vorstellen wie den letzten Gang durch das Heimatdorf. Aber wir sollten es immer wieder versuchen.

von Heike Döhn


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