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Erzählungen fast wie Stillleben

OP.Buchtipp: „Lettipark“ Erzählungen fast wie Stillleben

Der Band „Lettipark“ dreht sich um die Dramen zwischenmenschlicher Beziehungen – ohne dabei dramatisch zu werden. Vieles bleibt offen und 
in der Schwebe. Für den Leser ist das ein Gewinn.

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 aus Kanada

Die Schriftstellerin Judith Hermann hat nach einem Roman wieder einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.

Quelle: Novopashina

Viel passiert nicht in Judith Hermanns neuen Kurzgeschichten. Es sind fast Stillleben, die die Autorin in dem Erzählband „Lettipark“ zeichnet. Eine Frau sitzt an einem Feuer. Dabei erkennt sie langsam, dass ihr Mann nicht zurückkommen wird. Zwei Freundinnen streichen die Wände ihrer gemeinsamen Studentenwohnung. Eine alte Frau sitzt zwischen Bücherregalen und Pflanzen auf ihrer Chaiselongue und lässt sich von ihrer Untermieterin vorlesen.

Trotz dieser Ereignislosigkeit bleiben von diesen Szenen starke Bilder im Kopf. Man wird sich noch lange daran erinnern, wie die Frau am Feuer sitzt, wie die Freundinnen die Wohnung streichen. Und irgendwo dazwischen macht die Autorin in den 17 knappen Erzählungen die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen sichtbar. Ihre Figuren sind mit ihr älter geworden. Sie sind mittlerweile um die 40, haben Kinder oder eben keine, zerbrochene Beziehungen oder eine, die gerade in die Brüche zu gehen droht.

Es ist Hermanns vierter Erzählband. Bekannt wurde die 46-Jährige 1998 mit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“. Ein Bestseller wie der folgende Band „Nichts als Gespenster“, aus dem einzelne Geschichten verfilmt wurden. Zuletzt hatte Hermann einen Roman veröffentlicht: „Aller Liebe Anfang“. Es war ihr erster und bisher einziger Roman, die Kritik fiel eher schlecht aus. Ob dies nun der Grund für die Rückkehr zu Kurzgeschichten ist? Man kann getrost sagen, es ist so gleichgültig, wie es die Autorin in einem Interview der „FAZ“ darstellt. Das Buch in die Hand zu nehmen, lohnt sich in jedem Fall.

Kein (zeit)-geschichtlicher Kontext

Hermanns Sätze sind übrigens nicht kurz. Sie waren auch nie kurz. Auch in „Sommerhaus, später“ nicht. Irgendwo muss da ein Missverständnis entstanden sein, kurze Sätze gelten nämlich fast schon als Markenzeichen der Autorin. Hermanns Sätze sind genau genommen sogar sehr lang, manchmal ziehen sie sich über einen ganzen Absatz. Sie sind eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen, Halbsätzen oder nur Satzfetzen.

Hermann kommt aus Berlin und lebt nach wie vor dort. Ihre Erzählungen bleiben dieses Mal meistens zeit- und ortlos. Nur selten wird aufgelöst, wann und wo sie spielen. Diese gewisse Ankerlosigkeit zwingt dazu, aufmerksam zu lesen. Man kann sich nicht an Bildern aus der eigenen Erinnerung festhalten, kann die Geschichten nicht in einen (zeit)-geschichtlichen Kontext einordnen. Man bleibt vielmehr Hermanns Beschreibungen ausgesetzt – aber das funktioniert gut.

Unbeantwortet bleiben auch die existenziellen Fragen, die Hermann aufwirft: Was geschieht, wenn wir jemandem begegnen? Wie nah können wir den Menschen sein, die wir lieben? Die Geschichten bleiben im Ungefähren. Der Leser kann selbst überlegen, ob die Ehe von Philipp und Deborah nach der Adoption von Alexej wohl zerbricht. Hermann schreibt dazu in einer der Geschichten: „Es ging um all das, und darunter ging es sicher noch um etwas ganz anderes.“

  • Judith Hermann: „Lettipark“, S. Fischer ­Verlag, 192 Seiten, 18,99 Euro.

von Claudia Kornmeier

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