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OP-Buchtipp: Peter Scholl-Latour: „Mein Leben“

Erinnerungen einer Reporter-Legende

Peter Scholl-Latour war schon zu Lebzeiten eine Reporter-Legende und hat fast keinen Krisenherd der Erde ausgelassen. Seine Memoiren blieben unvollendet, sind gleichwohl sehr spannend.
Das Foto des Journalisten Peter Scholl-Latour entstand Ende Februar 2014, ein halbes Jahr vor seinem Tod. Jetzt sind seine Memoiren erschienen. Foto: Tim Brakemeier

Das Foto des Journalisten Peter Scholl-Latour entstand Ende Februar 2014, ein halbes Jahr vor seinem Tod. Jetzt sind seine Memoiren erschienen.

© Tim Brakemeier

Die Zeit hat nur noch für den ersten Teil seiner Memoiren gereicht, in den Vorbereitungen für die Fortsetzung und Vollendung ist Peter Scholl-Latour 2014 gestorben. Diesen zweiten Teil wird es nicht mehr geben. Aber schon der erste Teil gibt einen tiefen und aufschlussreichen Einblick in Herkunft und Karriere dieses ungewöhnlichen Reporters.

So erfährt der Leser, dass die abenteuerliche Journalistenkarriere des in Bochum geborenen deutsch-französischen Grenzgängers Peter Scholl-Latour in einer Verhörzelle in Bautzen in der damaligen sowjetischen Besatzungszone im Nachkriegsdeutschland begann.

Leutnant Pierre Latour war als von den Franzosen entsandter „Kundschafter“ (also Spion) jenseits des Eisernen Vorhangs in der unmittelbaren Nachkriegszeit in die Fänge der russischen Besatzungsmacht geraten. Nur mit viel Glück entkam er wieder nach West-Berlin in seine Wohnung im französischen Sektor.

Detailreiche Erinnerungen an Kindheit und Jugend

Die Berichte über seine damaligen Erlebnisse bot er französischen Zeitungen an, die das „exotisch“ fanden. Es waren seine ersten Artikel als Reporter, der bald danach als Fallschirmjäger im Indochinakrieg der Franzosen mit deren Debakel 1954 im vietnamesischen Dien Bien Phu seinen nächsten Einsatz hatte.

„Im Nachhinein sollte sich diese ostdeutsche Eskapade als Ausgangspunkt meines professionellen Lebens erweisen . . . obwohl ich damals gar nicht daran dachte, Journalist zu werden“, schreibt Scholl-Latour in „Mein Leben“. Es sind erstaunlich detailreiche Erinnerungen an Kindheit und Jugend zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz und an ein abenteuerliches Reporterleben auf den Kriegsschauplätzen und Krisenherden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – mit 87 Jahren nahm er noch an einer Patrouille der Bundeswehr südlich von Kundus in Afghanistan teil.

Es war sein Hang zum Abenteuer „gepaart mit ausgeprägtem Selbsterhaltungstrieb“, wie er rückblickend meinte. Man habe dafür den Ausdruck „das abenteuerliche Herz“ geprägt, ein „unentwegtes Vagantentum“ mit einer unstillbaren Neugier gepaart mit der Freude am Wagnis.

Chronist und Erklärer auch unbequemer Tatsachen

Peter Scholl-Latour war der klassische Vertreter des „rasenden Reporters“ durch die Weltgeschichte, ein Chronist und Erklärer auch unbequemer Tatsachen. Seine Texte für die Zeitungen, bevor er Hörfunk- und TV-Korrespondent wurde, schrieb er lange Jahre noch mitten im Dschungel oder in der Wüste auf einer Reiseschreibmaschine, die er per Einschreiben von einsamen Postämtern in abgelegenen Orten im tiefen Afrika abschickte. „So unglaublich das klingt – keiner dieser zahllosen Beiträge ging verloren.“

Angefangen hatte alles als junge Leseratte mit den Orientabenteuern von Karl May sowie den Reiseberichten des Entdeckers James Cook. Später sollte Scholl-Latour dann selber mehr als 30 Bücher schreiben, und er meinte dann auch, dass er mit diesen Büchern die Niederschrift seiner „Memoiren“ eigentlich längst begonnen habe.

Das gilt nun vor allem für die späteren Jahre als Gefangener des Vietcong oder Fluggefährte des Ajatollah Khomeini bei der Rückkehr aus dem Exil nach Teheran – und natürlich für Afghanistan und Irak, die im zweiten Teil seiner Memoiren ihren Niederschlag finden sollten.

Die jetzt vorliegenden Erinnerungen geben auch einen aufschlussreichen Einblick in die Jugend und Schulzeit Scholl-Latours und seine frühen Prägungen zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz, wo er ein Jesuiten-Internat besuchte.

„Heute lässt sich kein Krieg mehr gewinnen“

Einen großen Raum nehmen seine Erinnerungen an den Algerienkrieg der Franzosen ein, der 1962 mit der Unabhängigkeit der einstigen Kolonie endete. Frankreich war am Ende mit einer halben Million Soldaten in Nordafrika, wo auch andere Länder wie Tunesien und Marokko zu den Kolonien gehörte, aktiv.

Aber wie später im Vietnamkrieg der Amerikaner war das Massenaufgebot des technologisch hochgerüsteten Militärapparates einem Guerillakrieg nicht gewachsen, weil der klar erkennbare Gegner fehlte und, wie Scholl-Latour betont, Amerikaner wie Franzosen sich nie wirklich für die Mentalitäten und Kulturen der einheimischen Bevölkerung interessierten.

Die psychologische Einfühlung in die Mentalität des Gegners sei Voraussetzung für eine erfolgreiche Partisanenbekämpfung. Und eins sei auch klar: „Heute lässt sich kein Krieg mehr gewinnen.“ Er sei von Krieg zu Krieg gereist und habe versucht, in aller Ehrlichkeit darüber zu berichten.

Dabei habe ihn oft die Torheit der Regierenden erbost und deren Flucht aus der Verantwortung. Die Überheblichkeit der vermeintlich „entwickelten Länder“ sollte sich später in Angst vor allem Fremden umkehren und zu neuer Fremdenfeindlichkeit bis in die heutigen Tage führen.

  • Peter Scholl-Latour: „Mein Leben“, C. Bertelsmann Verlag, 445 Seiten, 24,99 Euro.

von Wilfried Mommert


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