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Enthüllungsstory ohne Held

Kinostart: „Kill the Messenger“ Enthüllungsstory ohne Held

Kill the Messenger – das steht im Englischen dafür, den Überbringer einer Nachricht zu töten. Der US-Politthriller mit Jeremy Renner kommt weniger brutal daher als der Titel andeutet – er entfaltet dafür aber eine stille Wucht.

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Der aufstrebende Journalist Gary Webb (Jeremy Renner) recherchiert im Drogenmilieu.

Quelle: Metropolitan FilmExport

Üblicherweise folgen Verschwörungsthriller einem einfachen Muster: Held oder Heldin findet schreckliche Wahrheit heraus. Dunkle Mächte wollen verhindern, dass diese Wahrheit ans Licht kommt. Held oder Heldin setzt sich darüber hinweg. Ende.

Bei „Kill the Messenger“ wird dieses Ende schon nach 50 Minuten erreicht. Es folgt eine ebenso spannende Stunde darüber, was dem US-Journalisten Gary Webb im Jahr 1996 nach der Veröffentlichung seiner wichtigsten Geschichte passierte.

Der Reporter der „San Jose Mercury News“ schrieb in seiner Artikelserie „Dark Alliance“ über Verbindungen zwischen dem Geheimdienst CIA und dem Drogenschmuggel der nicaraguanischen Contra-Rebellen in die USA. Seine Thesen wurden von großen US-Medien später heftig kritisiert. Es wurde versucht, den Ruf des Boten infrage zu stellen, um so seine Nachricht zu entkräften. Webb verlor seinen Job; im Dezember 2004 wurde er erschossen in seinem Haus aufgefunden. Sein Tod wurde als Suizid gewertet.

Ungewöhnliche Erzählweise

Anders als beim Watergate-Skandal, der Richard Nixon aus dem Weißen Haus drängte, blieb die aufklärerische Leistung Webbs weitgehend unbeachtet – was nicht nur daran liegen dürfte, dass bei Veröffentlichung des Abschlussberichts zum Thema die ganze Welt von Bill Clintons Affäre mit Monica Lewinsky besessen war.

Der Streifen mit Jeremy Renner bezieht Stellung: Webb sei durch die Regierung und auch durch übermäßige Kritik von Kollegen viel Unrecht widerfahren. Und dennoch: So ganz vertraut Regisseur Michael Cuesta dann doch nicht auf seinen Stoff.

Einerseits stellt er dem Thriller-Erzählstrang eine bremsende Nebenhandlung über Webbs verkorkste Ehe (stark: Rosemarie DeWitt als Ehefrau zwischen Unterstützung und Verzweiflung) zur Seite. Andererseits mischt er die Filmszenen immer wieder mit schnell geschnittenen realen Aufnahmen vom Ende der 1990er Jahre.

Mechanismen in Medien und Politik

Auch der Verleiher Focus Features schenkte dem Film nur wenig Beachtung. Gestartet in nur einigen hundert Kinos – große Filme kommen auf mehr als 3000 Lichtspielhäuser zum Start –, erzielte er im Herbst 2014 trotz guter Kritiken nur rund 2,5 Millionen US-Dollar Einspielergebnis.

Zu Unrecht: Wer nun mit einigen Monaten Verspätung ins deutsche Kino geht, der bekommt nicht nur eine interessante Politikstunde über den Krieg gegen Drogen, der in den USA immer noch massiv geführt wird und aus Sicht vieler für die Überlastung des Gefängnissystems verantwortlich ist. Cuesta zeigt auch ein sehenswertes Lehrstück über Mechanismen in den Medien und in der Politik, getragen von einer engagierten und absolut überzeugenden Leistung seines Hauptdarstellers.

  • Der Film läuft im Cineplex.

von Christian Fahrenbach

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