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OP-Buchtipp: „Der Gerechte“

Einzelgänger mit harten Bandagen

John Grisham hat mit seinen Justizthrillern Millionen Bücher verkauft. In immer neuen Variationen hat er Anwälte gezeigt, die ihren Mandanten zu ihrem Recht verhelfen. Aber 
„Der Gerechte“ ist ein 
Anwalt ganz eigener Art.
John Grisham hat mit „Der Gerechte“ einen neuen Justizthriller auf den Markt gebracht. Foto: Marcus Brandt

John Grisham hat mit „Der Gerechte“ einen neuen Justizthriller auf den Markt gebracht.

© Marcus Brandt

Sebastian Rudd hat viele spannende Geschichten zu erzählen. Immerhin ist er Strafverteidiger in der amerikanischen Provinz. Vor allem ist die Hauptperson in John Grishams (61) neuem Roman „Der Gerechte“ ein Kämpfer für die Gerechtigkeit, die seiner Ansicht nach im amerikanischen Justizsystem oft zu kurz kommt.

Und er ist ein Selbstdarsteller erster Güte. So steht er ganz selbstverständlich im Mittelpunkt der diversen Episoden, die er im Buch erzählt. Von Anfang an ist klar, dass er ein Außenseiter des Justizbetriebs ist. Sein Büro hat er in einen kugelsicheren Lieferwagen verlegt, während seiner Prozesse wechselt er aus Sicherheitsgründen alle paar Tage das Hotel, und sein einziger Mitarbeiter ist sein Fahrer und Leibwächter, der nur auf den Namen Partner hört.

Einsatz zweifelhafter Mittel

Der erste Fall, den Rudd im Roman vor Gericht ausficht, ist typisch für ihn und seine Vorgehensweise. Ein junger Mann wird verdächtigt, zwei kleine Mädchen ermordet zu haben. Die ganze Stadt ist von seiner Schuld überzeugt, einschließlich Richtern und Geschworenen. Ganz besonders, weil der junge Gardy nie die Chance hatte, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden und auch entsprechend aussieht.

Der Anwalt ist in seinem Element und weiß, worauf er sich eingelassen hat: „Wir spielen mit harten Bandagen, und der Einsatz ist Gardys Leben.“ Gegen alle Wahrscheinlichkeit und unter Einsatz zweifelhafter Mittel gelingt ihm doch noch die entscheidende Beweisführung.

Auch Rudds weitere Fälle sind ungewöhnlich: So verbringt er die letzten Stunden vor der Hinrichtung mit einem ehemaligen Klienten und nimmt sich eines Boxers an, der nach einer Niederlage einen Ringrichter zu Tode prügelte. Auch seinen eigenen Sorgerechtsstreit um seinen kleinen Sohn, der wohl der einzige Mensch ist, der ihm etwas bedeutet, führt er mit harten Bandagen.

In einer Reihe mit Robin Hood

Aber John Grisham nutzt die Hauptfigur seines Romans nicht nur, um spannende Episoden aus Gerichten zu erzählen. Immer wieder gibt er Sebastian Rudd den Raum, sich grundsätzlich über das amerikanische Justizsystem und seine Unzulänglichkeiten zu echauffieren. Justiz und Gerechtigkeit gehen für ihn häufig nicht Hand in Hand, sondern die Justiz steht der Gerechtigkeit im Weg.

Solche Tiraden sind nicht ungewöhnlich für Grishams Romane. Aber da Grisham in „Der Gerechte“ auf eine durchgehende Handlung verzichtet, fallen diese Passagen umso mehr auf. Wenn sich Rudd als „Revolverheld“ bezeichnet, als „Einzelgänger, der gegen das System kämpft und Ungerechtigkeit hasst“, dann stellt er sich in eine Reihe mit Robin Hood und ähnlichen legendären Figuren. Und der Gedanke drängt sich auf, dass der ehemalige Anwalt John Grisham einige seiner eigenen Überzeugungen in diese Figur hat fließen lassen.

„Der Gerechte“ ist nicht der gewohnte massive Grisham-Roman, der sich ausführlich einem Thema mit juristischer Bedeutung widmet. Aber die Herangehensweise, einen prägnanten Anwalt mehrere Fälle bearbeiten zu lassen, lässt die Möglichkeit weiterer Bücher um die Fälle eines bemerkenswerten Anwalts offen.

  • John Grisham: „Der Gerechte“, Heyne Verlag, 415 Seiten, 22,99 Euro.

von Axel Knönagel


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