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OP-Buchtipp: André Heller: „Das Buch vom Süden“

Eine Reise ins vergangene Paradies

Das Glück können die Menschen nur im Süden finden, nicht im grauen Wien. Autobiographische Züge sind nicht zu übersehen: Auch der Künstler lebt seinen Traum im Grünen in Marokko.
André Heller bringt seinen Debüt-Roman „Das Buch zum Süden“ auf den Markt. Foto: Uwe Anspach

André Heller bringt seinen Debüt-Roman „Das Buch zum Süden“ auf den Markt.

© Uwe Anspach

„Nur im Süden gibt es Rettung“: Seit frühester Kindheit impft Julian Passauers Vater seinem Sohn das Fernweh nach Zypressen, Meer und seidenbespannten Sonnenschirmen eleganter Damen ein.

Österreichs Verlust der italienischen Gebiete nach dem Ersten Weltkrieg verkraftet das Familienoberhaupt nur schwer, und so erzieht er sein Kind zum kultivierten Weltenbummler.

Mit „Das Buch vom Süden“ hat der weltbekannte österreichische Universalkünstler André Heller (69) einen ebenso zauberhaften wie nostalgischen Roman geschaffen. Heller selbst hat wie sein Protagonist sein Glück in der Ferne gefunden.

Detailreiches Porträt

Im Buch wird die Entwicklung von Julian vom wohlerzogenen Jungen zum feinsinnigen Freigeist und „fleißigen Taugenichts“ beschrieben. Der Sohn des stellvertretenden Direktors des Naturhistorischen Museums in Wien genießt alle Vorteile eines privilegierten Lebens: Dienstwohnung im Dachgeschoss des Schlosses Schönbrunn, regelmäßige Konzerte der Wiener Philharmoniker und Petit Fours als Nachspeise.

Kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart dient als imaginärer Spielkamerad. Parallelen zu Hellers eigenem Leben sind unverkennbar: Als Sohn eines vertriebenen jüdischen Süßwarenfabrikanten musste auch der 1947 geborene Wiener in einer Zeit, in der das vom Krieg verursachte Leid im Land noch allgegenwärtig war, auf kaum etwas verzichten.

Detailreich porträtiert Heller das Leben der Familie Passauer mit all dem Charme und den Schrulligkeiten, die Wien zu der Zeit mit sich brachte. Dabei kommen auch immer wieder die überaus originellen Bekannten der Familie vor: Ob nun Teehändler und „Hauswüstling“ Hugo Cartor, der philosophierende „Warzenkönig“ Grabowiak oder der exzentrische Geschichtenerzähler Graf Eltz.

Herzzerreißende Geschichte

Besonderes Augenmerk legte Heller in den mehr als 330 Seiten auf Düfte. Die Leser sollten sie mit seinen Beschreibungen förmlich riechen können: Der Tabakduft seines Vaters sowie der „göttliche“ Geruch der mütterlichen Haare geben Julian Geborgenheit. Auch das erste Interesse am anderen Geschlecht führt zugleich zu ungeschickten Versuchen, an einer älteren Dame zu schnuppern.

Schon früh entdeckt der kulturbeflissene Julian den Reiz der Damenwelt. Die Erfahrungen der Erotik sollten ihm andere Sphären öffnen: „Er hoffte, dass ihre Erfüllung ihm Zugang zu der einzigen Art von Fliegen verschaffen würde, derer er Menschen aus eigener Kraft für fähig hielt.“

Zwischen den leicht zu lesenden kurzen Absätzen, die abrupt enden, nur um leichtfüßig einen neuen Themenstrang entstehen zu lassen, wird immer wieder des unfassbaren Leids der 
Nazi-Zeit gedacht. Die herzzerreißende Geschichte eines ungarischen Oboisten, der als Kind mit seinem Bruder vor dem Tod im Konzentrationslager flüchtete, treibt dem Leser Tränen in die Augen. Auch mit der schmerzhaften Begrüßung von Kriegsheimkehrern an einem Bahnhof deutet Heller den rauen, kalten Wind an, der in Österreich lange wehte.

Nach bestandenem Abitur, einer Afrika-Umrundung und einem abgebrochenen Studium beginnen Julians Jahre als Vagabund im Süden. Dem „auf unbestimmte Dauer herabgesunkenen Teil des Himmels“, wie sein Vater die Landschaft stets bezeichnete. Sein Einkommen erzielt er mit Poker-Spielen.

Drei Frauen wecken Interesse

Lange genießt er sein Nomadenleben, bis er durch Zufälle geleitet am Gardasee sesshaft wird. Der kleine Ort dient ihm als „eine wohlsortierte Narreninsel im Ozean der allgemein akzeptierten Konventionen“. Und erstmals schaffen es drei Frauen auf unterschiedlichste Weise, seine Interessen dauerhaft zu wecken.

Da ist Mébrat, eine schöne Afrikanerin, die für ihn kocht. Mit ihr verbindet Julian 
große Innigkeit ohne jede 
Erotik. Aimée fordert ihn als Partnerin mit ihrer Komplexität und Sprunghaftigkeit heraus. Sonja hingegen verdreht ihm mit einer fast schon animalischen körperlichen Leidenschaft den Kopf. Über all dem steht seine Liebe zu seinem „Eidechsengarten“, seinem gut gepflegten grünen Refugium rund um seine Villa. Ein Platz zum Denken und Atmen.

André Heller selbst hat sein „Sehnsuchts- und Trostgebiet“ in Marokko gefunden. Dort eröffnete er vor kurzem seinen Park „Anima“ – ein Versuch, sich sein eigenes Paradies zu schaffen.

  • André Heller: „Das Buch vom Süden“, 336 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, 24,90 Euro.

von Sandra Walder


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