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OP-Buchtipp: Simon Garfield: „Briefe! ...“

Ein wundervoller Wälzer über eine verlorene Welt

Wann habe ich zuletzt 
einen Brief geschrieben, einen altmodischen, auf Papier? Viele Menschen kommen da ins Grübeln. Ein britischer Journalist wirft auf wundervolle Weise einen Blick zurück.
Ein handgeschriebener Brief? Vor allem Jugendliche wissen heute vermutlich kaum noch, dass es so etwas einmal gab. Foto: Tobias Hase

Ein handgeschriebener Brief? Vor allem Jugendliche wissen heute vermutlich kaum noch, dass es so etwas einmal gab.

© Tobias Hase

So mancher Jugendliche hat wohl schon Abertausende Kurznachrichten verschickt – aber keinen einzigen Brief geschrieben. Handgeschriebene Briefe sind binnen weniger Jahrzehnte zur Seltenheit geworden.

Einen Blick zurück auf ihre Geschichte und ihre Bedeutung wirft der britische Journalist Simon Garfield in seinem wundervollen Buch „Briefe!“. Es steckt voller Beispiele und amüsanter Anekdoten, und die auf jeder Seite spürbare Begeisterung ist ansteckend. Das Buch ist selbst ein Brief: ein Liebesbrief.

„Briefe haben die Macht, unser Leben zu erweitern. Sie enthüllen Motive und vertiefen das Verständnis. Sie sind Beweisstücke. Sie ändern Lebensläufe und schreiben die Geschichte um“, schreibt Garfield. Erhalten gebliebene Schriftstücke verrieten viel über die Geschichte und die Menschen, die sie prägten. „Wir bekommen Napoleons Verwirrtheit zu fassen, Tolkiens Bescheidenheit, Einsteins wohldosierte Nostalgie und Hemingways Antisemitismus.“

Die Geschichte des Briefes reicht weit zurück – wie zum Beispiel die Ankündigung einer Geburtstagsfeier um 100 nach Christus zeigt. Die Griechen allerdings hätten wenig Unterhaltsames geschrieben, erläutert Garfield. „Individualität und Authentizität – ein Brief, der persönlich und informativ zugleich ist – beginnt eigentlich erst mit den Römern, den ersten wahren Briefeschreibern.“

Caesar, ein unsympathischer Gast

Erwähnt wird etwa ein Brief Ciceros an Atticus über einen Besuch Caesars: „Was für ein unsympathischer Gast!“, heißt es darin. Caesar sei kein Besucher, den man zur Wiederkehr einladen wolle. „Einmal genügte mir gerade.“

Garfield erklärt, dass sich der Stand eines Schreibers lange Zeit am Platz seiner Unterschrift ablesen ließ. „Wenn Frauen im 17. Jahrhundert an Männer schrieben, stand ihr Name fast immer am äußersten Rand der untersten rechten Ecke, ein weiteres trauriges Anzeichen für ihren gesellschaftlichen Status.“

In alten Briefen finden sich demnach auch frühe Beispiele für Metaphern: „Ich esse wie ein Pferd“ hieß es etwa in einer Korrespondenz im Mai 1469, und in einem Brief von Mann zu Mann aus dem Jahr 1477 zum mühseligen Werben um eine Frau: „Nur eine schlechte Eiche lässt sich mit dem ersten Hieb fällen.“

Garfield beschreibt, wie Heinrich VIII. mit seinem Misstrauen die sichere Beförderung von Post beflügelte und was den Briten Willie Reginald Bray dazu brachte, sich selbst mit der Post zu verschicken. Und er erklärt, dass im England des 17. Jahrhunderts der Empfänger die Briefkosten trug und nicht der Absender – weshalb manche Schreiber vorher um Erlaubnis fragten, ehe sie eine Korrespondenz begannen.

Das Buch enthält viele Beispiele besonders scharfzüngiger, schlagfertiger und unterhaltsamer Briefeschreiber – und das Gegenteil: Viele Briefe der Schriftstellerin Jane Austen seien in verblüffendem Maße „stinklangweilig“, sie trieften vor Häuslichkeit und augenscheinlicher Weltferne, so Garfield.

Erste „E-Mail“ 1969 verschickt

Oscar Wilde wiederum habe sich im spätviktorianischen London, „weil er so genial und mit Genialsein ausgelastet war“, nicht die Mühe gemacht, seine Briefe zur Post zu bringen, heißt es im Buch weiter. „Stattdessen klebte er eine Marke darauf und warf den Brief aus dem Fenster.“ Irgendein Passant habe ihn dann in der Annahme, jemand habe ihn versehentlich verloren, meist zum nächsten Briefkasten getragen.

Am Ende eines Buches über Briefe darf ihr „Totengräber“ wohl nicht fehlen: die E-Mail. Beschrieben wird, wie Ende Oktober 1969 zwei Männer zwei Computer erstmals dazu brachten, miteinander zu kommunizieren. Inzwischen würden täglich Hunderte Milliarden E-Mails weltweit verschickt – ein Großteil davon sei allerdings Spam. Garfield plädiert dafür, auch E-Mails als Besitztum zu betrachten – und dafür, sie so gut wie möglich für die Nachwelt zu bewahren.

Ein Kleinod im Buch ist die Korrespondenz des britischen Paares Bessie und Chris, die sich durch das seitenstarke Werk zieht: Die beiden hatten sich zu Kriegszeiten Dutzende innige Briefe geschrieben – und im Oktober 1945 geheiratet.

Garfield ist ein spannend zu lesendes, spürbar liebevoll formuliertes Hohelied auf die Kunst des Briefeschreibens gelungen. Zwei Jahrtausende Briefgeschichte so faszinierend präsentiert zu bekommen, macht Freude.

  • Simon Garfield: „Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte“, Theiss Verlag, 539 Seiten mit 97 Abbildungen, 29,95 Euro.

von Annett Stein


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