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Ein Krimi als Gesellschaftsporträt

OP-Buchtipp: Greg Iles: „Die Toten von Natchez“ Ein Krimi als Gesellschaftsporträt

Im Süden der USA wirkt die Vergangenheit voll Rassismus und Gewalt ­immer noch nach. Wie dramatisch dies sein kann, zeigt der Schriftsteller Greg Iles in seinem Roman „Die Toten von Natchez“.

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Der US-Amerikaner Greg Iles setzt seine Romanreihe über den Süden der USA fort. Er zeichnet das Bild einer gefährlichen Gesellschaft.

Quelle: Mark Iles, Verlag Rütten und Loening

In Natchez, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Mississippi, hat der Schriftsteller Greg Iles eine komplexe Erzählung angesiedelt.

Am Beispiel einer Familie zeigt Iles, wie sehr das Erbe von Rassismus, Gewalt und Selbstjustiz immer noch die heutige Gesellschaft der amerikanischen Südstaaten prägt. Für dieses gewichtige Thema hat Iles gleich eine Romantrilogie konzipiert. Im vergangenen Jahr erschien „Natchez Burning“. Jetzt wird die Serie mit „Die Toten von Natchez“ fortgesetzt.

Im Mittelpunkt des neuen Romans steht wieder Penn Cage, ein ehemaliger Anwalt, der jetzt Bürgermeister des Ortes ist. Am Beispiel der Familie Cage werden die Verstrickungen in die Vergangenheit deutlich. Cages Vater stand schon im ersten Roman im Verdacht, seine schwarze Pflegerin ermordet zu haben. Nun will ihn auch der Sohn der Toten stellen, da dieser vermutet, der Sohn von Tom Cage zu sein.

Dunkle Fährten der Verbrecher

Auf der Suche nach der Wahrheit begeben sich Penn Cage, seine Verlobte und sein vermeintlicher Halbbruder auf eine gefährliche Suche, die weit über das Handlungsjahr 2005 hinausreicht. Schon bald müssen sie sich mit den Aktivitäten einer Geheimorganisation namens Doppeladler auseinandersetzen. Dieser radikale Ableger des Ku Klux Klan könnte für viele Morde und andere rassistische Gewalttaten seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts verantwortlich sein.

Durch die Doppeladler kommt ein Verbrechen in den Fokus der Erzählung, das auch zur Geschichte des amerikanischen Südens gehört: Das Attentat auf Präsident John F. Kennedy in Dallas 1963. Die vielen dunklen Fährten und schier abgrundtief böse Verbrecher, die auf einmal Bedeutung bekommen, verleihen der Spekulation neue ­Nahrung, Rassisten aus dem ­Süden könnten für den Präsidentenmord angeheuert worden sein.

Der Kennedy-Mord ist der bekannteste Mord, der in „Die Toten von Natchez“ zum Thema wird, aber bei weitem nicht der einzige. Iles stellt den Süden als eine gefährliche Region voll düsterer Geheimnisse und gewaltbereiter Menschen dar. Der Roman ist voll von Drohungen, tatsächlich begangenen Verbrechen und Grausamkeiten.

„Im Süden ist die Vergangenheit nicht vergangen“

Iles gelingt es, ein komplexes Bild einer gefährlichen Gesellschaft zu zeichnen. Auch wenn dieses Bild einem Grundgedanken verpflichtet ist, so ist es zugleich außerordentlich vielschichtig. In der ersten Hälfte des Romans vergehen gerade einmal 24 Stunden, aber man hat nie das Gefühl von Übersättigung oder Langeweile. Ganz im Gegenteil. Die 1000 Seiten sind packend.

William Faulkner, der bislang bedeutendste Schriftsteller des amerikanischen Südens, prägte einst den Satz: „Im Süden ist die Vergangenheit nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Die beiden bislang veröffentlichten Romane von Greg Iles‘ Trilogie zeigen, dass diese Überzeugung immer noch Quelle großartiger Literatur ist.

Nach dem spektakulären Auftakt der Trilogie mit „Natchez Burning“ hat es Greg Iles tatsächlich geschafft, einen ebenso guten zweiten Teil folgen zu lassen. Die Veröffentlichung des dritten Bandes, der die Serie vollendet, ist derzeit in den USA für März 2017 angekündigt. Darauf zu warten, lohnt sich auf jeden Fall.

  • Greg Iles: „Die Toten von Natchez“, Verlag Rütten und Loening, 1006 Seiten, 22,99 Euro.

von Axel Knönagel

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