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Kinostart: „Toni Erdmann“

Ein Kinojuwel aus Deutschland

In Cannes war diese Tragikomödie im Mai die große Überraschung und wurde bejubelt. Nun kommt „Toni Erdmann“ von Maren Ade ins Kino – mit herausragenden Darstellern 
und genau der richtigen Mischung Dramatik und Humor.
Die Unternehmensberaterin Ines (Sandra Hüller) steht nichtsahnend vor ihrem Vater Winfried, der ihr Leben als Toni Erdmann (Peter Simonischek) auf den Kopf stellt. Foto: Komplizen Film/NFP

Die Unternehmensberaterin Ines (Sandra Hüller) steht nichtsahnend vor ihrem Vater Winfried, der ihr Leben als Toni Erdmann (Peter Simonischek) auf den Kopf stellt.

© Komplizen Film/NFP

Wie toll wäre es, manchmal jemand anderes zu sein. In eine Rolle zu schlüpfen und Dinge zu tun, die man sich sonst nie trauen würde. Ausbrechen aus den Konventionen und selbst auferlegten Pflichten.

Würde das wirklich Freiheiten schaffen? Oder doch nur andere vor den Kopf stoßen und verletzen? Genau dies ist eines der Themen, mit denen sich die deutsche Regisseurin Maren 
Ade in ihrem Film „Toni Erdmann“ beschäftigt: eine Tragikomödie über einen Vater und dessen entfremdete Tochter – klug, komplex, berührend, tief traurig, etwas überdreht und wahnsinnig komisch.

Im Mittelpunkt stehen Winfried und Ines. Er ist ein lebenslustiger Musiklehrer, mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen, der sein Spaß-Gebiss immer in der Brusttasche parat hat. Schon die erste Szene mit ihm verdeutlicht seinen schrägen Humor und dass er sich selbst nicht zu wichtig nimmt.

Streit zwischen Vater und Tochter

Viel nüchterner sieht dagegen die Welt von Ines aus. Sie ist 
Ende 30, erfolgreiche Unternehmensberaterin für einen großen Konzern und trimmt andere Unternehmen auf Effizienz. In der von Männern dominierten Welt will sie sich bei einem Projekt in Rumänien beweisen und weiter Karriere machen.

Da platzt dann aber Winfried hinein. Sein Hund ist gestorben, und er sucht die Nähe zu seiner ihm fremd gewordenen Tochter. Der passt das allerdings gar nicht, es kommt zum Eklat, und Winfried reist scheinbar ab – um dann als Toni Erdmann verkleidet wieder zurückzukommen: schiefe Zähne, zauselige Perücke, Jutebeutel über der Schulter und ein lautes Lachen.

Dieser Toni Erdmann schert sich nicht um die Konventionen der Wirtschaftswelt und hat zu Ines‘ Überraschung genau damit Erfolg. Vor allem jedoch gelingt dieser überdrehten Kunstfigur, was Winfried als Vater so wohl nicht geschafft hätte: Er hält Ines gewissermaßen einen Spiegel vor und öffnet ihr die Augen über die Absurditäten und die Leere ihres Lebens.

Das mag banal klingen, ist es bei Maren Ade aber nicht. Der Regisseurin gelingt es stattdessen, die Zuschauer auf über zweieinhalb Stunden immer wieder zu überraschen. Wohin die Geschichte geht, welche Wendungen sie nimmt, das bleibt bis zum Schluss offen. Außerdem beweist die 39-Jährige nach Filmen wie dem Beziehungsdrama „Alle Anderen“ einmal mehr ihr Gespür für das richtige Tempo und die ausgewogene Balance zwischen Dramatik und Humor.

So lässt sie ihren Hauptfiguren Zeit, sich bei all ihren 
 unausgesprochenen Konflikten 
anzuschweigen, nur um wenig 
später auf präzise pointierte Gags zuzusteuern – selten muss man im Kino bei so bedrückenden Erlebnissen so laut lachen. Nebenbei spricht Ade noch drängende Themen unserer Zeit an, wie das Verschmelzen von Beruf und Freizeit, Sexismus am Arbeitsplatz sowie Hierarchien zwischen Ost- und Westeuropa.

Von Kritikern gefeiert, von Jury verschmäht

Getragen wird „Toni Erdmann“ dabei von den beiden herausragenden Hauptdarstellern. Die Deutsche Sandra Hüller und der Österreicher Peter Simonischek, beide profilierte Theaterschauspieler, verkörpern dieses Tochter-Vater-Duo so natürlich, dass man ihnen noch so abstruse Entwicklungen abnimmt.

Hüller passt perfekt in die Rolle der starken und doch verletzlichen Frau, die ausgerechnet mit dem schmalzigen Whitney-Houston-Song „The Greatest Love of All“ ihren Schlüsselmoment hat. An ihrer Seite brilliert Simonischek, der in einer Art Doppelrolle als Vater und Toni Erdmann verzweifelt versucht, wieder eine engere Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen.

Bei seiner Weltpremiere im Mai beim Filmfestival Cannes wurde „Toni Erdmann“ von internationalen Zuschauern und Kritikern gleichermaßen gefeiert, ging dann aber bei der Preisvergabe am Ende höchst umstritten völlig leer aus.

So verdient eine Auszeichnung zwar auch gewesen wäre – dem Erfolg des Films dürfte das letztlich nicht im Weg stehen. Denn auch wenn die Cannes-Jury damit wenig anfangen konnte: „Toni Erdmann“ ist ein Kino­juwel und einer der besten 
Filme der vergangenen Jahre.

  • Der Film läuft im Filmkunsttheater Kammer am Steinweg.

von Aliki Nassoufis


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