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OP-Buchtipp: Bildband „Deutschland um 1900“

Ein „Dia-Abend“ zum Umblättern

Das wilhelminische „Deutschland um 1900“ ist jetzt noch einmal als „Porträt in Farbe“ zu besichtigen, obwohl es die Farbfotografie damals noch gar nicht gab. 
Möglich machte das ein spezielles Verfahren.
Die nachkolorierte Aufnahme aus der Zeit um 1900 zeigt das Schloss Sigmaringen. Foto: Collection Marc Walter

Die nachkolorierte Aufnahme aus der Zeit um 1900 zeigt das Schloss Sigmaringen.

© Collection Marc Walter

„Deutschland um 1900“ heißt ein schwergewichtiger, nicht weniger als sieben Kilogramm wiegender Bildband mit historischen Stadtansichten und Landschaftsaufnahmen in Farbe, obwohl es die Farbfotografie vor über 100 Jahren noch gar nicht gab.

Möglich machte den Trick damals das sogenannte Photocromverfahren als eine neue Drucktechnik, die Schwarz-Weiß-Fotos nachkolorierte und sich besonders in der Tourismus- und Ansichtskartenindustrie großer Beliebtheit erfreute.

Auf 610 zum Teil ausklappbaren Seiten sind 800 Fotos versammelt, die einen meist romantischen Reiseführer durch mittelalterliche Städte und die Metropolen der Gründerzeitjahre mit ihren Boulevards darstellen. Oder sie führen in weiträumige Landschaften, von den bayerischen Alpen bis zu den ersten mondänen Seebädern, dem brodelnden Potsdamer Platz in Berlin, in das mittelalterliche Rothenburg ob der Tauber ebenso wie auf die Wartburg oder den Brocken.

Ergänzende Textbeiträge runden den Band ab

Es sind im doppelten Sinne des Wortes „geschönte“ Aufnahmen, da sie einerseits nachkoloriert, also „aufgehübscht“ wurden, und andererseits als Marketinginstrument für den Tourismus mit der aufkommenden Souvenir-Fotografie dienten, so dass der Titel „Deutschland um 1900“ seinem Anspruch nicht ganz gerecht wird, da die hässlichen Seiten des aufkommenden Industriezeitalters mit den ärmlichen Wohnquartieren weitgehend außen vor bleiben. Wer verschickt schon solche Ansichtskarten?

Es sind die bildhaften Erinnerungen eines Landes, das zunehmend zum attraktiven und selbstbewussten Reiseland wird. Noch einmal erscheinen hier in alter Pracht die später in zwei Weltkriegen zum großen Teil zerstörten Altstädte historischer Orte wie Nürnberg, Dresden, Hildesheim und Braunschweig oder die „Momentaufnahmen“ vor dem Ersten Weltkrieg der heute in Polen liegenden Städte wie Danzig und Breslau.

Verdienstvoll sind die ergänzenden Textbeiträge mit oftmals interessanten Einzelheiten, Besonderheiten und Anmerkungen von Autor und Herausgeber, mehrsprachig in Deutsch, Englisch und Französisch. Bei den Schlössern des bayerischen „Märchenkönigs“ Ludwig II., die ihn ruinierten, etwa wird auf einen Umstand hingewiesen, der in Vergessenheit geraten ist.

Die aufwendigen Bauten waren damals auch Motor für die bayerische Wirtschaft. Und zum Glück für das bis heute beliebte Touristenland Bayern wurde auch nicht Ludwigs Wunsch erfüllt, die Schlösser nach seinem Tod wieder zu zerstören.

Sie waren schon im Deutschland um 1900 begehrte Fotomotive und gefragte Objekte zum Nachkolorieren, wie dieser Bildband zeigt, für den man eigens den Wohnzimmertisch freimachen sollte, um auf eine historische Deutschlandreise zu gehen, quasi ein „Dia-Abend“ zum Umblättern.

  • Marc Walter, Sabine Arqué, Karin Lelonek (Herausgeber/Autor): „Deutschland um 1900 – Ein Porträt in Farbe“, Großformat, 610 Seiten, ca. 800 Fotos, Taschen Verlag, 150 Euro.

von Wilfried Mommert


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