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Die kleine Sensation des Bücherherbstes

OP-Buchtipp: „Die Briefe der Manns“ Die kleine Sensation des Bücherherbstes

Die Geschichte der Familie von Thomas Mann ist auch in zahlreichen Briefen überliefert, bisher in Teilausgaben und oft gekürzt. Jetzt liegen „Die Briefe der Manns“ von 1919 bis 1981 als „Familienporträt“ vor.

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Quelle: S. Fischer Verlag

Thomas Mann beklagt 1936 im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin eine „idiotische Roheit des gegenwärtigen Deutschtums“ und tut sich dennoch schwer damit, seinen deutschen Wurzeln endgültig zu entsagen, obwohl er längst im Exil ist.

Der deutsche Literaturnobelpreisträger („Buddenbrooks“) wird zu einem der prominentesten deutschen Hitler-Gegner im Ausland, was ihm auch im Nachkriegsdeutschland nicht nur Freunde machen wird.

Klaus Mann warnt seinen Vater denn auch im Mai 1945 vor einer Rückkehr nach Deutschland, um womöglich sogar „irgendeine politische Rolle“ zu übernehmen. Man werde ihm „das wohlverdiente, unvermeidliche Elend des Landes vorwerfen, höchstwahrscheinlich würdest du ermordet werden“.

Bisher unveröffentlichte Briefe

Dieser Brief des Sohnes, in englischer Sprache geschrieben vor den Trümmern des Münchner Elternhauses, ist in der neuen Gesamtausgabe der „Briefe der Manns“ (ohne Heinrich Mann, es geht nur um die Familie Thomas Mann) als deutsches Familienporträt des 20. Jahrhunderts enthalten.

Sie präsentiert erstmals aus verschiedenen Archiven und Beständen auch über 100 bisher unveröffentlichte Briefe der acht Familienmitglieder aus sechs Jahrzehnten. Es ist nicht übertrieben, von einer kleinen Sensation dieses Bücherherbstes zu sprechen, da es sich um nicht viel weniger als den Höhepunkt in der Geschichte der Mannschen Briefeditionen handelt, sozusagen das „Krönungswerk“.

Herausgeber des bei S. Fischer erschienenen umfangreichen Bandes, vorzüglich kommentiert und mit einem ausführlichen Anhang versehen, sind neben Tilmann Lahme, der bereits die vielbeachtete Biografie „Die Manns“ veröffentlicht hat, auch der frühere Leiter des Lübecker Buddenbrookhauses, Holger Pils, und Kerstin Klein, die ebenfalls früher im Buddenbrookhaus arbeitete.

Aus den Zeilen spricht die Ratlosigkeit

Die Briefe des Ehepaares Katia und Thomas Mann (genannt Mielein und Zauberer) sowie ihrer Kinder Erika (Eri), Klaus (Eißi), Golo (Gölchen), Monika (Mönle), Elisabeth (Medi) und Michael (Bibi) – mit dem eindeutigen „Kommunikationszentrum“ Katia Mann – sind mehr als ein Familienporträt, auch wenn der Leser Zeuge eines „Familiengesprächs“ wird. Sie lesen sich auch als eine Literatur- und Zeitgeschichte schicksalsträchtiger Jahre, streckenweise ist es auch ein „Abenteuerroman“.

Die aufgeregten Briefe des verstörenden Sommers 1939, als der Krieg in viele vermeintlich gesicherte Verhältnisse einbrach, sehen die Herausgeber völlig zu Recht als einen der Höhepunkte der Briefsammlung. Die große Ratlosigkeit des Literaturnobelpreisträgers zu Beginn des Krieges ist unverkennbar. Es sei gar nicht zu sehen, dass die Deutschen die Nazis absetzen und Frieden machen.

Aber der „Briefroman“ dieser deutschen Familie handelt nicht nur von den Zeitläuften, in die sie geworfen wurde. Es ist eben auch eine Familiengeschichte mit all ihren Sorgen und Nöten und Erfolgen, sie handelt auch wie überall von Liebe, Streit, Zusammenhalt, Neid, Einsamkeit und Solidarität. Ein Kind von Thomas Mann zu sein hatte eben nicht nur (vor allem materielle) Vorteile.

  • „Die Briefe der Manns - Ein Familienporträt“, herausgegeben von Tilmann Lahme, Holger Pils und Kerstin Klein, S. Fischer Verlag, 720 Seiten, mit Abbildungen, 24,99 Euro.

von Wilfried Mommert

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