Navigation:
Ticket-Shop Anzeigen- und Abo-Service

OP-Buchtipp: Abbas Khider: „Ohrfeige“

Die Wutrede eines Flüchtlings

Der Asylbewerber Karim ist nur eine Nummer in 
einer seelenlosen Bürokratie. Über sein Leben bestimmen andere. Bis er eines Tages aufbegehrt.
Der aus dem Irak stammenden Autor Abbas Khider gibt Flüchtlingen in seinem neuen Roman eine Stimme. Fotos: Carl Hanser Verlag, Ursula Düren

Der aus dem Irak stammenden Autor Abbas Khider gibt Flüchtlingen in seinem neuen Roman eine Stimme.

© Carl Hanser Verlag, Ursula Düren

Nun ist seine Stunde gekommen. Jetzt endlich spricht er. Karim Mensy, ein irakischer Flüchtling, erteilt sich selbst das Wort. Bisher haben immer nur andere über ihn gesprochen und entschieden. Menschen wie Frau Schulz, die über seinen Asylantrag befindet und so bestimmt, „auf welche Weise ich existieren darf oder soll“.

Doch Frau Schulz, die Göttin, sitzt jetzt hilflos und wie ein Paket verschnürt in ihrem schwarzen Lederstuhl und muss sich anhören, was der „Asylant 3873 oder so“ zu sagen hat, er, der immer nur eine Nummer für sie war: „Aber wie ein mythischer Held habe ich mich erhoben und den Olymp gestürmt.“ Frau Schulz, die Allmächtige, ist nun eine gefallene Göttin.

„Ohrfeige“, der neue Roman von Abbas Khider, ist das Buch der Saison. Es gibt denen eine Stimme, über die gerade so unendlich viel geredet wird, die aber nur selten selbst zu Wort kommen. Denn der Roman ist ausschließlich aus der Perspektive eines Flüchtlings geschrieben.

Folter, Odyssee, Asyl

Es ist die Wutrede eines Menschen, der auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa gekommen ist und sich dort verliert. Er scheitert am Ausgeschlossensein, der Gleichgültigkeit und einer undurchsichtigen, absurden Bürokratie.

Abbas Khider (42) weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Denn der gebürtige Iraker verließ sein Land, nachdem er im Gefängnis gefoltert worden war. Nach einer Odyssee durch mehrere Staaten erhielt er im Jahr 2000 in Deutschland Asyl. Er lernte die deutsche Sprache und studierte Literatur und Philosophie.

Seine Bücher verfasst er auf Deutsch. „Ohrfeige“ ist sein vierter Roman. Das Buch wurde schon vor dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise abgeschlossen und es spielt auch vor gut 15 Jahren, ist also kein direktes Spiegelbild der jetzigen Situation. So besaßen Flüchtlinge damals noch keine Smartphones, die Kommunikation war mühselig.

Was heute die Syrer sind, waren damals die Iraker, die vor Saddam Hussein flüchteten. Sie hatten eine hohe Anerkennungsquote, doch nach dem Zweiten Irakkrieg mussten viele Deutschland wieder verlassen.

Bizarrer Fluchtgrund

Auch der Romanheld Karim Mensy soll zurück in den Irak. Doch er beschließt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Mittels eines Schleusers will er nach Finnland gehen. Aber zuvor hat er noch eine Rechnung zu begleichen.

Karim Mensy ist kein Held. Er ist auch kein Intellektueller, ja nicht einmal ein politischer Flüchtling. Sein Fluchtgrund ist bizarr: Er leidet nämlich an Gynäkomastie. Als Jugendlicher wuchsen ihm Brüste, für die er sich schämt.

Er fürchtete, beim Militär diskriminiert zu werden. Im Ausland wollte er sich deshalb operieren lassen, bis er dort erfuhr, dass ihn das ein Vermögen kosten würde. Nun versucht er, seine Brüste vor seiner russischen Freundin zu verbergen.

Warten, warten und wieder warten

Karim und die anderen Asylanten führen im Warteraum Deutschland ein schizophrenes Leben. „Meine Tage vergingen langsam, als würde eine kosmische Macht die Zeit wie einen Pizzateig kneten und so dünn wie möglich ausrollen“, heißt es an einer Stelle. „Wir konnten nichts anderes tun als warten, und wurden von Tag zu Tage dämlicher.“ Sie sind nur Zaungäste, vom echten Leben ausgeschlossen.

Die Deutschen erscheinen ihnen als „Fabelwesen aus einem fernen Märchenland“. Kontakte gibt es kaum. Die Asylbewerber reagieren ganz unterschiedlich auf die bedrückende Situation: Einer findet sein Seelenheil in der Kochkunst, ein anderer wird streng religiös, ein dritter dreht durch. Und Karim hält seine Wutrede.

Trotz des ernsten Szenarios ist „Ohrfeige“ kein düsterer und schwerer Roman geworden. Khider beschreibt eine absurde und traurige Situation mit Wortwitz in einer ebenso knappen wie poetisch-eleganten Sprache. Und trifft uns so mitten ins Herz.

  • Abbas Khider: „Ohrfeige“, Carl Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 19,90 Euro.

von Sibylle Peine


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Anzeige




Jubiläum




Wünsche




Terra-Tech




Lokschuppen-Sanierung

Lokschuppen-Sanierung: Sollten Marburger über die Umsetzung eingereichter Projektangebote abstimmen dürfen?

Sport-Tabellen




Spielerkader




zur Galerie

Fußballfotos vom Wochenende

Sonderveröffentlichungen




Spielplatz-Serie




LWL-Shop




Mit der OP durch das Gartenjahr




Blende 2016




Heimatprämie sichern!




Instagram

Meistgelesene Artikel

Schüler lesen die OP




Kommentare




OP kostenlos lesen




Der Online-Shop der OP




Städtewetter
Ihre Stadt/Ihr Ort
Tagestemperatur
°
Tiefsttemperatur
°
Regenprognose
%
Windstärke
km/h
Pollenflug
Ihre Wettervorschau
zur Galerie

Willkommen im Leben:

Die Transfers im Landkreis




Die OP-Serien

Mmmm, wie das duftet! Das Rezept für diesen saftigen Stollen finden Sie unten im Text. Foto: Hartmut Berge Besser Esser

Christstollen: Ein Gebäck fürs ganze Jahr

Als die OP Mike Schmidt in der Backstube besucht, riecht es nach Rosinen und Mandeln. Der 39-Jährige macht das, was seine Vorfahren schon vor rund 180 Jahren in der Vorweihnachtszeit praktizierten: Er backt Stollen. mehrKostenpflichtiger Inhalt

In 12 Schritten zum perfekten ChriststollenGalerie   



90 regionale Rezepte: Das Besser-Esser-Buch


Das Besser Esser Buch mit 70 regionalen Rezepten.

Die Grill-App der Oberhessischen Presse


Rostkost: Rezepte und Grilltechnik




  • Sie befinden sich hier: OP-Buchtipp: Abbas Khider: „Ohrfeige“ – Die Wutrede eines Flüchtlings – op-marburg.de