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Matthias Nawrat: „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“

Die Perspektive der „kleinen Leute“

Die Geschichte und Geschichten sind traurig-komisch ineinander verwoben – eine Familiensaga aus dem Polen des 20. Jahrhunderts.
Im Oktober nahm Matthias Nawrat auf dem blauen Sofa auf der 67. Frankfurter Buchmesse Platz, um seine polnische Familiengeschichte vorzustellen. Foto: Uwe Zucchi

Im Oktober nahm Matthias Nawrat auf dem blauen Sofa auf der 67. Frankfurter Buchmesse Platz, um seine polnische Familiengeschichte vorzustellen.

© Uwe Zucchi

Ein bewegtes Leben hatte Opa Jurek, Titelheld der Familiensaga „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ von Matthias Nawrat. So bewegt wie die oft dramatische Geschichte Polens im 20. Jahrhundert. Nawrat verwebt ein polnisches Familienleben mit historischen Umwälzungen, gezeichnet aus der Perspektive der „kleinen Leute“.

Das ist ganz wörtlich zu nehmen, denn beschrieben wird das Leben von Opa Jurek und Oma Zofia aus der kindlichen Perspektive eines Enkels, der zur Beerdigung des Großvaters aus Deutschland in das oberschlesische Oppeln aus dem „neuen“ Polen nach 1989 zurückkehrt.

Hier ist auch der Punkt, an dem der junge Ich-Erzähler und der Autor ihre Gemeinsamkeiten haben: Nawrat wurde 1979 in Oppeln geboren, siedelte als Zehnjähriger mit seiner Familie ins fränkische Bamberg über – ganz so wie der namenlose Erzähler des Familienromans.

Kindlicher Ich-Erzähler filtert die Ereignis

Geschichte und Geschichten sind traurig-komisch ineinander verwoben, wie das eben so ist, wenn jemand auf ein langes Leben blicken kann. Die großen historischen Ereignisse werden gefiltert durch die persönliche Sicht – und da kommt es dann gleich doppelt zum verfremdenden Bruch.

Da streicht Opa Jurek die eigene Rolle durch Übertreibung oder Weglassen heraus und wird von Oma Zofia oder einem anderen Familienmitglied mit ganz anderen Erinnerungen konfrontiert. Und in der Wahrnehmung des kindlichen Ich-Erzählers werden die Ereignisse noch einmal gefiltert.

So werden dann auch Gräuel der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg zur schaurig-komischen Anekdote über „die sogenannte schwierige Zeit unseres Opa Jurek“, die ihn an den „weltberühmten Ort Oswiecim“ brachte.

Wer also war Opa Jurek? Ein Auschwitz-Häftling, der nach dem Krieg eher zufällig in der kommunistischen Partei landete, als Direktor eines Lebensmittelladens jahrelang vor allem den Mangel verwaltetet und beim kommunistischen System in Ungnade fiel. Der „Delikatessen“ in Einmachgläsern hortete, weil er in Auschwitz dem Hungertod so nahe war. Dessen aus Ostpolen stammende Frau ein ganzes Leben lang vergeblich von einer Reise nach Paris träumte.

Augenzwinkernder, ernster Blick auf die Geschichte

Die große Geschichte, sie wird auf die persönliche Alltagsebene heruntergebrochen. Da lässt sich schmunzeln über den Tauschhandel des findigen Opas, der auf der Suche nach Suppengrün mit auf dem Schwarzmarkt gegen Holunderschnaps eingetauschtem Jeansstoff nicht nur nach Krakau fährt, sondern gleich in Budapest landet. Und auch das „graue Haus“ klingt in der Erzählung erst mal nicht zu schlimm.

Dort befasst sich der kommunistische Sicherheitsdienst nicht nur mit Opa Jurek, sondern mit dem vom Leben in Kanada träumenden Vater des Erzählers, inklusive der „Gastfreundschaft“ mit Übernachtungsmöglichkeiten im Keller, da die langen Gespräche sich doch in die Nachtstunden hinzogen.

So ist es halt, wenn das Schlimme der Vergangenheit Kindern auf schonende Weise erzählt wird. Der Leser freilich weiß es besser und das verhindert, dass Opa Jureks Lebensgeschichte nur als eine Art Schelmenroman gesehen wird.

Der mal augenzwinkernde, mal ernste Blick auf ein Jahrhundert ist auch ein Loblied auf die hohe Kunst des „Kombinierens“ und das Improvisationsvermögen, das nicht nur Opa Jurek und seiner Familie durch den polnischen Alltag in zwei Diktaturen half. Ein leichter, aber nicht seichter Roman mit einem bittersüßen Humor.

  • Matthias Nawrat: „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“, Rowohlt-Verlag, 407 Seiten, 22,95 Euro.

von Eva Krafczyk


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