Navigation:
Ticket-Shop Anzeigen- und Abo-Service

OP-Buchtipp: „Die Mutter meiner Mutter“

Die Macht des Schweigens

Ein Flüchtlingsmädchen aus dem Osten sucht nach dem Krieg Zuflucht in einem kleinen Dorf. Später heiratet es, bekommt Kinder. Jahrzehnte danach stößt die Tochter auf ein düsteres Geheimnis ihrer Mutter.
In langen Flüchtlingstrecks zogen Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg von Ost nach West. Willkommen waren sie vielerorts nicht. Foto: dpa

In langen Flüchtlingstrecks zogen Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg von Ost nach West. Willkommen waren sie vielerorts nicht.

© dpa

Die Großmutter war eine seltsame Frau. Sie war nicht so wie normale Großmütter. Sie hatte nichts Weiches, Liebevolles. Sie vermied Berührungen, selbst mit ihrer Enkeltochter. Sie lebte zurückgezogen wie ein Schattenwesen in ihrem Haus: „Meine Oma hielt die Fensterläden auch tagsüber geschlossen, sie bewegte sich am liebsten im Halbdunkel, wie ein kleines Nachttier. Sie lief mit flinken, lautlosen Schritten über den Holzboden, so dass ich gar nicht merkte, dass sie plötzlich hinter mir stand.“

Schon früh spürt die Enkelin, dass mit ihrer Großmutter etwas nicht stimmt: „Es war, als ob ich lange eine Ahnung hatte, dass meine Großmutter etwas verbarg, ohne dass ich imstande gewesen wäre, diese Ahnung zu formulieren.“ Bis sie eines Tages den Anruf ihrer Mutter erhält.

Sie hat ein düsteres Geheimnis über die Großmutter herausgefunden. In ihrem Buch „Die Mutter meiner Mutter“ erzählt Sabine Rennefanz („Eisenkinder“, Foto: Jens Kalaene) ein authentisches Frauenschicksal aus der Nachkriegszeit.

Es ist eine Geschichte von Gewalt, Angst und Schweigen, das sich wie Mehltau noch auf die nächste Generation legt. Anna ist ein vaterloses Flüchtlingsmädchen, das es in ein abgeschiedenes ostdeutsches Dorf verschlägt. Dort will man die Vertriebenen aus dem Osten eigentlich nicht haben. Doch sie hat Glück, findet Zuflucht bei einer verständnisvollen Bauernfamilie. Anna träumt davon, sich ein neues Leben aufzubauen, will einen Beruf erlernen, in die Stadt gehen. Dann kreuzt der Kriegsheimkehrer Friedrich Stein auf. Der undurchsichtige Mann macht Anna Angst, sie geht ihm aus dem Weg. Doch wenig später heiratet sie ihn. Warum?

Die Enkelin spürt das Verstörende, das Unpassende, das Schiefe im Leben der Großeltern. Die beiden sind wie Feuer und Wasser: Er tanzt gern, liebt Schnaps und Schlagersendungen. Sie schließt sich zu Hause ein, verabscheut Alkohol und verschlingt Nachrichten. Er schläft im Doppelbett, sie mit Kopftuch, Pullover und Strümpfen bekleidet auf dem Sofa neben dem Hund. Sie reden sich nie mit Namen an, nur mit „Mann“ und „Frau“. Der Großvater ist ein Mann mit Lachfältchen, der seine Enkelin auf dem Schoß reiten lässt und auf vier Fingern pfeifen kann. Und doch hat er das Leben der Großmutter zerstört.

Erinnerung an die eigene Flüchtlingsgeschichte

Anna Stein lebt in einem Land, das sich als sozialistisch, fortschrittlich und zukunftsorientiert versteht. Doch die Welt, die Rennefanz hier schildert, wirkt zutiefst archaisch. Eine Vergewaltigung, eine ungewollte Schwangerschaft werden mit einer erzwungenen Ehe „bereinigt“, ledige Mütter werden stigmatisiert, auch die Kirche hat noch ein Wörtchen mitzureden. Die Zwangsehe führt zu zwei zerstörten Leben und überschattet auch das Schicksal der Kinder.

Rennefanz schildert diese menschliche Tragödie in einer klaren einfachen, unprätentiösen Sprache, die das Beklemmende nur umso deutlicher hervorhebt. Das Buch ist übrigens auch deshalb lesenswert, weil es uns an unsere eigene Flüchtlingsgeschichte erinnert. Auch damals waren Vertriebene unerwünscht: „Kaum einer will die Landsleute aus dem Osten freiwillig aufnehmen. Wie Kriminelle werden sie behandelt. Manche Bürgermeister bringen Schilder an, die Flüchtlinge schon am Ortseingang abschrecken sollen. Typhus steht auf ihnen.“

Anna läuft nicht zuletzt ins Verderben, weil sie ein Flüchtling ist. Als sehr alte Frau fährt die Großmutter erstmals nach dem Krieg in ihre alte Heimat zurück, sieht das Haus ihrer Kindheit wieder. Sie fängt an zu weinen, zeigt auf einmal Gefühle, der Eispanzer bekommt Risse. Es ist wie eine Erlösung, eine späte Versöhnung.

  • Sabine Rennefanz: „Die Mutter meiner Mutter“, Luchterhand Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro.

von Sibylle Peine


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Anzeige




Jubiläum




Wünsche




Terra-Tech




Sport-Tabellen




Spielerkader




zur Galerie

Fußballfotos vom Wochenende

Sonderveröffentlichungen




Spielplatz-Serie




LWL-Shop




Mit der OP durch das Gartenjahr




Blende 2016




Heimatprämie sichern!




Instagram

Meistgelesene Artikel

Schüler lesen die OP




Kommentare




OP kostenlos lesen




Der Online-Shop der OP




Städtewetter
Ihre Stadt/Ihr Ort
Tagestemperatur
°
Tiefsttemperatur
°
Regenprognose
%
Windstärke
km/h
Pollenflug
Ihre Wettervorschau
zur Galerie

Willkommen im Leben:

Die Transfers im Landkreis




Die OP-Serien

Eine Vergleichsstudie zwischen Marburg und Osnabrück hat die Wirksamkeit von Karies-Präventionsprogrammen in Marburger Schulen bewiesen. Foto: dpa Kariesprophylaxe

Marburger Schüler haben die besseren Zähne

Marburg nimmt beim Kampf gegen Karies eine Vorreiterposition ein. Dies beweist eine Studie von Professor Klaus Pieper, Leiter der Abteilung Kinderzahnheilkunde der Marburger Zahnklinik. mehrKostenpflichtiger Inhalt



90 regionale Rezepte: Das Besser-Esser-Buch


Das Besser Esser Buch mit 70 regionalen Rezepten.

Die Grill-App der Oberhessischen Presse


Rostkost: Rezepte und Grilltechnik




  • Sie befinden sich hier: OP-Buchtipp: „Die Mutter meiner Mutter“ – Die Macht des Schweigens – op-marburg.de