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OP-Buchtipp: „Die neuen Deutschen“

Die „Ehre Europas“ gerettet

Wie Fremde zu Deutschen werden: Ein Wissenschaftlerpaar würdigt Merkels Flüchtlingspolitik und skizziert die Leitlinien erfolgreicher Integration – statt Drohkulisse eine 
Belohnungskultur.
Flüchtlinge gehen am 5. September 2015 in Frankfurt nach ihrer Ankunft im Hauptbahnhof durch ein Spalier von Menschen, die sie willkommen heißen. Foto: Frank Rumpenhorst

Flüchtlinge gehen am 5. September 2015 in Frankfurt nach ihrer Ankunft im Hauptbahnhof durch ein Spalier von Menschen, die sie willkommen heißen.

© Frank Rumpenhorst

Was bedeutet gelungene Integration? Auf das Grundgesetz schwören? Regelmäßig Schweine­fleisch essen? Als muslimische Frau das Kopftuch ablegen? Wenige Themen werden zurzeit so heftig diskutiert wie die Frage, wie sich die vielen Neuankömmlinge am besten in die deutsche Gesellschaft einfügen lassen. Leider aber geht dabei viel durcheinander.

Denn aktuelle Auseinandersetzungen über die richtige Terrorabwehr und zunehmendes Misstrauen 
gegenüber dem Islam trüben 
den sachlich-ruhigen Blick auf das Langzeitthema Integration, wie die Aufgeregtheit über die Burka zuletzt zeigte. Insofern ist es gut, dass zwei Wissenschaftler nun wieder den Fokus auf das Wesentliche lenken.

„Die neuen Deutschen“ heißt das Buch des renommierten Berliner Politikwissenschaftlers 
Herfried Münkler und seiner Frau Marina, die vor allem zu interkulturellen Themen forscht. In dem Gemeinschaftswerk des Paares geht es dabei nicht nur um die Flüchtlingskrise und das berühmte „Wir schaffen das“ der Bundeskanzlerin, sondern viel weitreichender noch um die erfolgreiche Gestaltung der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Genau genommen ist das Buch sogar eine Handlungsanweisung.

Zunächst jedoch blicken die Autoren auf das Jahr 2015, die umstrittene Grenzöffnung und die anschließenden Maßnahmen zum Schutz der Schengen-Grenze zurück. Dabei zollen sie der Kanzlerin ihren Respekt. 


Wissenschaftler: Migration
 gab es schon immer

Angela Merkel habe durch ihr entschlossenes und umsichtiges Handeln die „Ehre Europas“ gerettet. Sie sei den einzigen Weg gegangen, der für einen liberaldemokratischen Staat in einem solchen Konflikt angemessen sei, nämlich einen Mittelweg zwischen humanitärer Hilfe, die den Werten Europas entspricht, und einer robusten Grenzpolitik, die den Flüchtlingen den Zugang nicht zu leicht macht.

Noch spannender sind die Ausführungen zum Thema Einwanderung. Migration gab es schon immer, früher vom Land in die Stadt, heute von den 
armen in die reichen Länder. Einwanderung, so die Grundthese der beiden Wissenschaftler, ist für die westlichen Staaten aus demographischen und ökonomischen Gründen unabdingbar. Sie ist sogar ein „struktureller Bestandteil der Erneuerung“ geworden. So sei in den 29 reichsten Staaten zuletzt ein Migrant auf zwei Neugeborene gekommen.

Das deutsche Integrationsmodell bezeichnen die Autoren dabei als „naturwüchsig“, das heißt, es lag ihm nie ein genauer Plan und auch keine 
politisch-kulturelle Werthaltung zugrunde, vielmehr reagierte es auf die Anforderungen des Augenblicks. Trotz dieser relativen Konzeptlosigkeit habe sich das deutsche Modell als „erstaunlich leistungsfähig“ erwiesen. 


Das zeige sich vor allem, wenn man es mit anderen euro­päischen Integrationsmodellen vergleicht. Denn sowohl Frankreich als auch Schweden oder die Niederlande, die ganz unterschiedliche Integrationsansätze 
verfolgen, weisen im Ergebnis große Defizite auf. Das sei allerdings kein Grund, sich nun bequem zurückzulegen, denn auch in Deutschland seien in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht worden.

Schnelle Integration 
in den Arbeitsmarkt wichtig

Wichtigste Forderung der beiden Wissenschaftler ist die schnelle Integration von Neuankömmlingen in den Arbeitsmarkt und überhaupt alles zu vermeiden, was Passivität und damit ein mögliches Abgleiten in die Sozialhilfe fördert.

Hauptkritikpunkte sind deshalb die langen Wartezeiten bei den Asylanträgen, die selektive Zuteilung von Integrations- und Sprachkursen nach Herkunftsländern und damit der Ausschluss bestimmter Asylbewerberguppen. Auch die vorrangige Behandlung von Deutschen und EU-Bürgern durch die Arbeitsagenturen behindere die schnelle Beschäftigung. Eine zu starke Reglementierung des Arbeitsmarktes sei insgesamt schlecht für die Neuen.

Herfried und Marina Münkler halten den Deutschen auch den Spiegel vor. So sei der oft kritisierte Traditionalismus türkischer Familien vor allem die Folge einer Politik, die Einwandererfrauen jahrelang bewusst vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen habe. Dies müsse in Zukunft dringend vermieden werden.

Der ständige Verweis auf die religiöse Identität als angebliches Integrationshindernis von Muslimen diene auch der Selbst­entlastung der Deutschen. So brauche man sich über soziale 
Fehlentwicklungen, die man hingenommen oder sogar indirekt gefördert habe, keine Gedanken zu machen. Doch nicht der Islam, sondern das soziale 
Scheitern stehe in der Regel am Anfang problematischer Zuwanderer-Karrieren.

Insgesamt wünschen sich die Autoren mehr positive Motivation für Zuwanderer: Gratifikation statt Sanktion. Statt Drohkulisse eine Belohnungskultur. Die Mehrheit der Politiker dürfte diese Forderungen unterstreichen.

Doch unter dem Druck von rechts sei die Versuchung groß, falsche Entscheidungen zu treffen. Integration, so zeigt dieses Buch, ist anspruchsvoll. Sie braucht einen langen Atem und Geduld. Stimmungsmache und Hetze sind ihr größter Feind. Dieses Buch könnte für die Politik ein hervorragender Kompass sein.

  • Herfried Münkler, Marina Münkler: „Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft“, Rowohlt Verlag, 334 Seiten, 19,95 Euro.

von Sibylle Peine


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