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"Furcht und Ekel"

Der braune Dreck verteilt sich überall

In „Furcht und Ekel“ von Dirk Laucke geht es um ein hochaktuelles Thema: die Verbreitung rechten Gedankenguts in der Bevölkerung. Am Samstagabend war Premiere im Hessischen Landestheater.
Die Schauspieler zeigten durch die Bank gute Leistungen. So auch Stefan Piskorz (rechts) hier in  einer Szene mit Oda Zuschneid (links) und Insa Jebens. Foto: Hessisches Landestheater

Die Schauspieler zeigten durch die Bank gute Leistungen. So auch Stefan Piskorz (rechts) hier in einer Szene mit Oda Zuschneid (links) und Insa Jebens.

© Hessisches Landestheater

Marburg. Wenn man den Zuschauerraum betritt, landet man in einem Käfig mit hohen Gittern – ein irritierendes und beklemmendes Gefühl. Der Käfig umschließt auch die Bühne, und wenn die Vorstellung beginnt, schnappt das Schloss der Käfigtür zu. Die Gesellschaft, ein großes Gefängnis? Vielleicht.

„Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ von Dirk Laucke ist kein Stück mit Handlung und Charakteren, sondern eine Folge von locker aneinander gereihten Szenen mit nur wenigen Figuren. Da sind die fiesen, prolligen Neonazis aus Sachsen, die Ausländer für Abschaum halten und vor roher Gewalt nicht zurückschrecken. Da sind Meret und Karl, deren Tochter im Verdacht steht, einen Brandanschlag verübt zu haben.

Da ist die Bauersfrau, die schimpft, dass Amis und Israelis sich überall einmischen, und da ist die Journalistin Birte, die versucht, die traurige Geschichte des Romajungen Tomas zu erzählen. Und da ist auch noch der Verleger, der immer neue Versuche unternimmt, ein gänzlich unpolitisches Stück in die Öffentlichkeit zu bringen.

Freundliche Gesichter und harte Ansagen

Ihre stärksten Momente hat die Inszenierung von Fanny Brunner in den Gruppenszenen, die oft mit verstörend aggressiver Musik daher kommen. „Wir sind das Volk!“, grölt der Haufen. „Wir sind nicht allein! Wir kriegen euch alle!“

Und schließlich, gegen Ende, singen alle plötzlich mit freundlichen Gesichtern zu einer netten Melodie: „Ich bin stolz auf mein Land. Grenzen zu! Ausländer raus!“ Da läuft es einem kalt den Rücken herunter. Leider verschenkt die Inszenierung aber auch viel von ihrem Potenzial. An etlichen Stellen gleitet das Ganze ab ins Chaotische und wird ziemlich unübersichtlich, immer wieder muss man mühsam nach dem roten Faden suchen.

Da hätte man sich viel mehr Straffung und Konzentration auf das Wesentliche gewünscht. So verlässt man das Theater nach weit mehr als zwei Stunden ohne Pause etwas ermattet.

Allerdings ist vor allem die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler positiv hervorzuheben. Durchweg spielen alle sehr intensiv, mit vollem Einsatz und viel Durchhaltevermögen. Immer wieder gelingt es den Akteuren sehr gut, in die verschiedenen, schnell wechselnden Rollen hineinzu­schlüpfen.

Darüber hinaus werden in der Inszenierung viele gute Gedanken und Spielideen umgesetzt. So ist in der Mitte der Bühne ein Haufen mit dunkelbrauner Erde aufgeschüttet. Dieser „braune Dreck“ verteilt sich im Laufe des Abends überall: Auf der Erde, auf den Kleidern, auf den Körpern und in den Gesichtern der Darsteller – ein Symbol für die Allgegenwärtigkeit rechter Ideen in der Gesellschaft.

Überzeugend sind auch die Reflexionen über das Theater, die immer wieder eingestreut werden.

„Was ist das Theater für ein Ort?“, heißt es da. Und weiter: „Wir wollen ja nicht kuscheln. Wir wollen uns reiben. Das Theater muss eine kritische Instanz bleiben.“ Dem konnten sicher die allermeisten Zuschauer am Samstag nur zustimmen. So gab es am Schluss viel Beifall für die Schauspielerinnen und Schauspieler und für die Regisseurin.

von Bettina Preussner


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