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Der Holocaust als irritierende Satire

OP-Buchtipp: Martin Amis: „Interessengebiet“ Der Holocaust als irritierende Satire

Die Aufregung war groß, als Martin Amis vor einem Jahr seinen Auschwitz-Roman „Interessengebiet“ veröffentlichte. Sein deutscher Verlag lehnte eine Veröffentlichung ab. Jetzt gibt es doch eine deutsche Ausgabe.

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Martin Amis gilt vielen Kritikern als enfant terrible der englischen Literatur. Sein neuer Roman ist auch in seiner Heimat sehr umstritten.

Quelle: EPA/Juan Martin Misis, Kein und Aber Verlag

Eine Liebesgeschichte zwischen Nazis, die noch dazu im KZ Auschwitz spielt. Kann das sein? Eigentlich nicht. Zu sehr belastet mit dem Grauen des Völkermords ist allein schon der Name. Und doch hat es der Brite Martin Amis (66) versucht.

„Interessengebiet“ ist dabei herausgekommen, ein Roman, der bei seiner Originalveröffentlichung vor einem Jahr für heftige Kontroversen gesorgt hat. Der Hanser Verlag, der sonst Amis‘ Bücher auf den deutschen Markt bringt, lehnte das Buch ab. Jetzt hat der Schweizer Verlag Kein und Aber eine deutsche Fassung veröffentlicht.

Tatsächlich ist „Interessengebiet“ ein sehr merkwürdiger Roman, der ohne weiteres mit keinem anderen Buch zu vergleichen ist. Am ehesten noch mit Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“, aber die Unterschiede sind doch ganz erheblich. Der Roman passt in keine Schublade und muss für sich selbst genommen werden.

Historische Ereignisse werden genau dargestellt

Herausragendes Merkmal des Romans ist sein Handlungsort. Er wird nur ganz selten beim Namen genannt, sondern eher als „Kat Zet“ oder eben „Interessengebiet“ bezeichnet. Amis beschreibt eine irreale Szenerie aus muffigen Büros, Theatern und Villen, aber auch der Rampe, auf der über Leben und Tod der Neuankömmlinge entschieden wird. Ein besonders grausiges Detail ist die Wiese, unter der so viele Leichen begraben sind, dass deren Verwesung die ganze Umgegend belastet.

Vor diesem Hintergrund spielen sich skurrile Geschehnisse ab, die einzeln genommen kaum glaubhaft und in ihrer Gesamtheit völlig absurd sind, aber an diesem unglaublichen Ort schon wieder möglich erscheinen. Zumal die tatsächlichen Ereignisse zwischen Herbst 1942 und Frühjahr 1943 historisch genau dargestellt werden, besonders die Niederlage der deutschen Armee in Stalingrad und ihre psychologische Wirkung.

Erzählt wird „Interessengebiet“ aus drei Perspektiven, von den drei höchst unterschiedlichen Hauptfiguren des Romans. Zum einen ist dies Angelus Thomsen, genannt Golo, Manager in der Fabrik neben dem Konzentrationslager, in der die Gefangenen bis zum Tode arbeiten müssen. Thomsen, ein Neffe von Hitlers Sekretär Martin Bormann und der äußeren Erscheinung nach ein Vorzeige-Nazi, verkörpert den Typ des kalten Technokraten, für den nichts zählt als das Erreichen seiner Ziele, koste das, was es wolle. Dabei irritiert ihn auch nicht „das Gefühl, auf dem Gelände eines riesigen aus den Nähten platzenden Irrenhauses zu leben“.

Thomsens Gegenspieler und zugleich Verbündeter ist Lagerkommandant Paul Doll. Von den anderen nur „der alte Säufer“ genannt, ergeht er sich in Selbstmitleid über die nicht zu bewältigenden Aufgaben, die ihm gestellt werden, und in Fantasien über den „Erlöser“ in der Reichskanzlei, dessen Name im Roman übrigens kein einziges Mal genannt wird. Auch spekuliert Doll über die Vergasung seiner gesamten Umgebung.

Tanz auf dem Vulkan wird immer hoffnungsloser

Die dritte Stimme gehört Szmul, dem Anführer der jüdischen Sonderkommandos, die die Opfer in die Gaskammern führen und die Leichen wegräumen müssen. Als Helfershelfer beim Völkermord ist er auf der untersten Stufe der Menschlichkeit angekommen, zugleich ist er aber auch die einzige Figur, die menschliche Regungen wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zeigt.

Zusammengehalten werden die verschiedenen Teile des Romans durch eine merkwürdige Liebesgeschichte. Thomsen, für den die Erfüllung auch seiner sexuellen Begierden oberste Bedeutung besitzt, versucht eine Affäre mit Dolls Frau zu beginnen. Doll ist alarmiert, weiß aber nicht, wie er sich verhalten soll, da Hannah Doll allen Menschen um sich herum abweisend begegnet. Alle Figuren belauern einander in der Erkenntnis, dass ihr Tanz auf dem Vulkan immer hoffnungsloser wird und das Ende immer näher kommt.

Natürlich kann man einen Roman wie „Interessengebiet“ nicht wörtlich nehmen. Er ist Satire, die bewusst verzerrt und übertreibt und so die Leser provoziert, sich über den Text hinaus Gedanken zu machen über das, was eigentlich hinter der Geschichte steckt.

Erst im „Nachspiel“ auf den letzten 40 Seiten wird der satirische Grundgedanke des Romans wirklich deutlich. Amis macht es seinen Lesern nicht einfach, sich bis zu dieser Erkenntnis durchzuarbeiten. Aber das mag auch nicht seine Absicht gewesen sein.

  • Martin Amis: „Interessengebiet“, Kein und Aber Verlag, 409 Seiten, 25 Euro.

von Axel Knönagel

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