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OP-Buchtipp: Jonas Karlsson: „Das Zimmer“

Der Eindringling im Büroalltag

In der Behörde geht alles seinen gewohnten Gang. Bis eines Tages ein neuer Mitarbeiter auftaucht, der Wahnideen zu verfolgen scheint. Oder ist er gar nicht verrückt, sondern die Kollegen haben eine falsche Sicht auf die Welt?
Autor Jonas Karlsson blickt in „Das Zimmer“ hinter die Fassade der modernen Arbeitswelt. Foto: Appendix Fotografi

Autor Jonas Karlsson blickt in „Das Zimmer“ hinter die Fassade der modernen Arbeitswelt.

© Appendix Fotografi

Das Büro ist der Kampfplatz der Moderne. Es ist zum Sinnbild eines standardisierten, entfremdeten Lebens geworden und der Büroarbeiter zum Prototyp des durchgetakteten, entseelten Menschen.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Büro auch ein wichtiger Schauplatz in der Literatur ist und der Büro-
roman quasi eine eigene Gattung darstellt.

Franz Kafka, der selbst in einer Versicherungsgesellschaft einem ungeliebten Brotberuf nachging, ist hier der Klassiker. Die groteske, beängstigende Maschinerie einer sich selbst genügenden Bürokratie beschrieb kaum einer auf so beklemmende Weise wie er.

Tunnelblick am Arbeitsplatz

Jonas Karlsson (45), der schwedische Autor und Schauspieler, ist kein Kafka, doch sein Roman „Das Zimmer“ erinnert vielfach an dieses Vorbild. Das Buch ist ein beeindruckendes Stück Prosa über die Absurdität der modernen Arbeitswelt: Die Angestellten sind kleine Rädchen im Getriebe, die ihren immer gleichförmigen Alltag abspulen.

Arbeitsprozesse werden nicht hinterfragt, sondern als gottgegeben hingenommen, schematisch abgewickelt und am Ende abhakt. Die Welt im Tunnelblick erlaubt keine Außensicht. Denn diese stört, irritiert und befremdet nur.

In Karlssons Roman ist der Ich-Erzähler Björn der Eindringling und Außenseiter, der die Bürowelt ins Wanken bringt. Er ist der neue Mitarbeiter in einer geheimnisvollen Behörde, die irgendwelche nebulösen Rahmenbeschlüsse fasst, die an andere, ebenso undurchsichtige Stellen weitergeleitet werden.

Zuflucht vor Kontrollwahn

Björn ist ein pedantischer Arbeiter, der seinen Büroalltag „einschließlich eventueller Pinkelpausen“ präzise taktet. Am Wochenende nimmt er Akten mit nach Hause und brütet über den „internen Strukturen der Behörde“. Sein Ziel ist klar: Er will nach oben.

Eines Tages entdeckt Björn neben der Toilette ein rätselhaftes Zimmer, eine Abstellkammer mit wenig Mobiliar. Sie wird zu seinem Rückzugsort, einem Raum der Entspannung, wenn ihn Konformität und Kontrollwahn im Großraumbüro nerven. Es gibt nur ein Problem bei der Sache: Außer ihm kennt niemand den Raum, ja die Kollegen bestreiten sogar, dass das Zimmer überhaupt existiert.

Zum Beweis werden Baupläne hervorgeholt, auf denen der Raum tatsächlich nicht eingezeichnet ist. Als Björn trotzdem auf der Existenz des Zimmers besteht, erklären die andern ihn einfach für verrückt. Björn wird isoliert.

Allerdings nur so lange, bis er sich als der genialste Mitarbeiter der Abteilung entpuppt. Denn unter seiner Hand werden die „Rahmenbeschlüsse“ und „Vorgänge“ zu kleinen bürokratischen Meisterwerken der Formulierkunst.

Erzähler ist nicht vertrauenswürdig

Sein Geheimnis: Während die Kollegen schlafen, bearbeitet er nachts in „seinem“ Zimmer die Akten. So wird er rasch zum Star der Abteilung. Und plötzlich sind die Kollegen und ihre Sicht der Dinge massiv infrage gestellt. Müssen sie jetzt nicht auch die Existenz des Zimmers einräumen, die sie zuvor so hartnäckig leugneten?

Allerdings hat der Leser da längst erkannt, dass auch der Ich-Erzähler Björn nicht allzu verlässlich und vertrauenswürdig ist. An vielen Stellen weicht seine Darstellung eklatant und auf beunruhigende Weise von der der Kollegen ab.

Wem soll man am Ende glauben, ihm oder den Kollegen? Der Autor lässt den Leser absichtlich gefangen in seinen Zweifeln. Damit verstärkt er das surreale, kafkaeske Moment dieser rasanten Erzählung, die auf wunderbare Weise den grotesken Wahnsinn einer aus den Fugen geratenen Arbeitswelt einfängt.

  • Jonas Karlsson: „Das Zimmer“, Luchterhand Verlag, München, 176 Seiten, 17,99 Euro.

von Sibylle Peine


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