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OP-Buchtipp: Martin Walsers: „Ein sterbender Mann“

„Das erzwingen die Romane selber“

Das Altsein, die Liebe und der Verrat: Martin Walser widmet sich in seinem neuen Roman „Ein sterbender Mann“ den großen Themen. Dabei sei das Schreiben etwas, das er nur bedingt steuere, sagte der Autor.
Der Schriftsteller Martin Walser hockt in seinem Büro in Nußdorf bei Überlingen und hält sein neues Buch „Ein sterbender Mann“ in der Hand. Foto: Felix Kästle

Der Schriftsteller Martin Walser hockt in seinem Büro in Nußdorf bei Überlingen und hält sein neues Buch „Ein sterbender Mann“ in der Hand.

© Felix Kästle

Irgendwann meldet sich Theo Schadt in einem Suizidforum an. „Liebe und sehr verehrte Schicksalsgenossen“, schreibt er auf der Internetseite.

Er habe einen Verrat erleben müssen, ausgerechnet von dem Menschen, der ihn nie hätte verraten dürfen: Sein engster Freund. „Dass das möglich war, heißt, das ist menschenmöglich! Wenn das menschenmöglich ist, dann will ich, kann ich kein Mensch mehr sein.“ Der Protagonist in Martin Walsers neuem Roman will genau das sein, was der Titel des Buches schon verrät: „Ein sterbender Mann“.

Der 88-jährige Walser schreibt über das Altsein, über den Wunsch, zu sterben, über Tod und Verrat. Seine Hauptfigur: 72 Jahre alt, beruflich ruiniert. Im Buch Sätze wie: „Er hat das Leben verloren. Und den Tod nicht gefunden.“ Oder: „Das Alter ist eine Wüste. Darin eine Oase, heißt Tod.“ Oder: „Die tägliche Müdigkeit weicht erst gegen Abend. Aber dann ist es schon zu spät.“

Die Frage nach der eigenen Empfindung ärgert Walser aber ein bisschen: „Es ist ewig dasselbe. Ganz egal, was ich publiziere, es kommt immer die Frage nach der Wirklichkeit“, sagt der Schriftsteller. „Obwohl ich doch deswegen publiziere.“

Walser: Bin beim Schreiben entscheidungsunfähig

Romane zu schreiben sei immer ein „Entblößungs-Verbergungs-Spiel“, sagt Walser. „Natürlich, man neigt als Autor dazu, sich andauernd zu entblößen. Aber das hält man selber nicht aus. Also entwickelt man Techniken der Verbergung. Das ist etwas ganz ästhetisch Seriöses, das teilt sich nicht nur der rechten Hand und dem Bewusstsein mit. Da kommen Sachen aufs Papier, die überhaupt erst, wenn sie als Sätze gelingen, für mich erträglich sind. Sie müssen einen Grad der Verbergung und des ästhetischen Gelungen-Seins erreichen, dass ich sie so aushalte.“

Zugleich sei das Schreiben ein Prozess, den der Autor nur bedingt steuere: „Ich folge Notwendigkeiten, aus denen dann ein Roman entsteht, und bin dabei das Entscheidungsunfähigste, was es überhaupt gibt“, sagt Walser.

„Es gibt nur ein Phänomen, für das ich durch andauernde Entscheidungen zuständig bin, und das ist die Gelungenheit oder Nichtgelungenheit der Sätze. Wenn Theo Schadt Sachen sagt, die ich furchtbar finde, dann streiche ich sie. Aber wenn der Ton da ist, gelingt mehr, als misslingt.“

Der Ton des neuen Romans entwickelt sich zu einem faszinierenden Miteinander aus abgeschickten und nicht abgeschickten Briefen, mehreren E-Mails, Gedichten und Gedanken von Theo Schadt. Der 72-jährige Firmenchef und „Nebenbei-Autor“ will nach einem Verrat durch seinen besten und langjährigen Freund nicht mehr leben.

Doch ausgerechnet im Suizidforum stößt er auf Widerstand: Eine Teilnehmerin schreibt ihm. „Und an den Antworten dieser suizidalen Frau kann er ermessen, dass er eine Art Leichtgewicht ist, verglichen mit ihr. Ihr Schicksal ist irreversibel“, sagt Walser. „Sie nimmt ihn gar nicht besonders ernst. Er hat eine Katastrophe – Verrat – erlebt. Aber mit diesem Schicksalsvergleich hat er dann zu tun.“

Auch im realen Leben passiert Unerwartetes: Nach dem Verlust seiner Firma sitzt Theo Schadt im Tango-Laden seiner Frau Iris an der Kasse, als er plötzlich einer Kundin begegnet. „Ich fühle mich getroffen durch Ihre Augen. Ihr Blick ist mir geblieben“, schreibt er ihr später. Es entwickelt sich eine Liebe in Briefen, die Schadt dazu bringt, nach 38 Ehejahren seine Frau und sein Zuhause zu verlassen.

Doch ähnlich wie in Walsers früherem Roman „Das 13. Kapitel“ spielen sich die Beziehungen der Protagonisten – Theo, Iris, Sina – in Worten ab, nicht in wirklicher, körperlicher Nähe. „Sina und Theo Schadt können sich, so wie die Schicksale gelagert sind, nicht sehen“, sagt Walser. „Das erzwingen immer die Romane von selber. Ich bin dem gefolgt und völlig einverstanden.“

  • Martin Walser: „Ein sterbender Mann“, Rowohlt Verlag, 287 Seiten, 19,95 Euro.

von Kathrin Drinkuth


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