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OP-Buchtipp: „Kursbuch 183 – Wohin flüchten?“

Blick auf die moderne Völkerwanderung

Wieder rollen Züge aus Ungarn mit Flüchtlingen nach Deutschland. Doch diesmal gelten die Menschen nicht von vorn herein als willkommene politische Flüchtlinge wie im September 1989, sondern als kritisch zu überprüfende Asylbewerber oder unerwünschte Wirtschaftsmigranten.
Flüchtlinge warten in Berlin auf ihre Registrierung als Asylbewerber. Foto: Kay Nietfeld

Flüchtlinge warten in Berlin auf ihre Registrierung als Asylbewerber.

© Kay Nietfeld

Wie sich die Flüchtlingsbewegungen, ihre Ursachen und der Umgang damit in Europa nach dem Ende des Ost-West-Konflikts bis heute verändert haben – diesem hoch aktuellen und brisanten Thema geht das „Kursbuch 183 – Wohin flüchten?“ nach.

„Wer aus politischen Gründen zu uns kommt, bestätigt unsere zivilisatorische Überlegenheit, wer nur aus wirtschaftlichen Erwägungen kommt, wird dagegen als ein Konkurrent, auch noch einer, der staatliche Zuwendungen für Wohnung, Nahrung und Telekommunikation erhält, während wir uns dies selbst erarbeiten müssen“, analysiert Mitherausgeber Professor Armin Nassehi den veränderten Blick auf die Flüchtlinge 2015. „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ – in dieser Einstellung liege auch eine Quelle des Hasses auf die Flüchtlinge.

Doch seien die Fluchtgründe in der Realität oft gar nicht klar zu trennen, so Nassehi. Denn zerfallende oder autoritäre Staaten gingen oft mit „ökonomischer Impotenz“ und Zukunftslosigkeit einher. Die Unterscheidung von „wirklich Verfolgten“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ tauge im 21. Jahrhundert nicht mehr, betont der Münchner Soziologe. „Die Wanderungen, die uns bevorstehen, werden eher vormodernen Wanderungen ähneln, werden unkontrollierbar sein und ganz neue Herausforderungen zeitigen.“

Nach Europa kommen nicht unbedingt die Ärmsten

Mit welcher Risikobereitschaft vor allem junge männliche Afrikaner ihr Leben aufs Spiel setzen, um ihr von Internet und Fernsehen genährtes Traumziel Europa zu erreichen, beschreibt Alfred Hackensberger aus der marokkanischen Hafenstadt Tanger. „Die Flüchtlinge akzeptieren nicht mehr, verdammt zu sein, in Afrika zu leben, das ihnen keine Möglichkeiten bietet“, schreibt er. Auch das verändert die Einstellung ihnen gegenüber: „Afrikaner müssen leiden, damit man ihnen helfen kann. (...) Ohne Not und Elend sind sie für europäische Gutmenschen nicht apart genug und sollen dann gefälligst zu Hause bleiben.“

Wie Hackensberger räumt auch der Migrationsforscher Jochen Oltmer (Osnabrück) mit einem Mythos auf: Es seien nicht die Ärmsten der Armen, die sich auf den Weg nach Europa machen. Die Ärmsten könnten sich die teure Reise gar nicht leisten. Der Forscher beschreibt die Flüchtlingsströme vergangener Jahrhunderte – mit „Europa als Hauptakteur kolonialer Expansion und als Hauptexporteur von Menschen nach Amerika, Afrika, Asien und in den Raum des südlichen Pazifiks“.

Informativer Einblick

Hart geht der britische Forscher Professor Roger Zetter (Oxford) mit der europäischen Flüchtlings- und Abschottungspolitik ins Gericht. Zetter wirft der EU „kollektives Versagen“ vor. Er verweist auf die UNHCR-Zahlen 2015, wonach fast 60 Millionen Menschen weltweit durch Konflikte ihre Heimat verloren haben. Wegen der Dominanz der Asylfrage in der EU gerate zweierlei aus dem Blick: „die größeren Ziele der Einwanderungspolitik und der Schutz, den jene brauche, die nicht eindeutig den definierten Flüchtlingskriterien entsprechen“.

Zwei Beiträge befassen sich mit Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber. Der Soziologe Professor Albert Scherr (Freiburg) etwa fragt nach der Legitimität solcher „Gewaltakte“ und „Deportationen“. Das neue Kursbuch könnte im 50. Jahr des Bestehens der Reihe aktueller nicht sein. Es gibt einen informativen Einblick in viele Einzelaspekte der Flüchtlingsproblematik und der modernen Völkerwanderung – und sicher auch Anlass für kontroverse Positionen.

  • Armin Nassehi und Peter Felixberger (Hrsg.): „Kursbuch 183 – Wohin flüchten?“, Verlag Murmann, 192 Seiten, 19 Euro.

von Ursula Mommsen-Henneberger


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