Navigation:
Ticket-Shop Anzeigen- und Abo-Service

Blende 2015

Der morbide Charme verlassener Orte

Die Notenblätter liegen verstreut auf dem Boden. Der Klavierhocker steht noch an seinem Platz. Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Pianist hätte den Saal gerade erst verlassen. Hat er aber nicht. Diesen Klavierraum hat schon sehr lange niemand mehr betreten – schon gar kein Pianist. Die einzigen, die dort öfter vorbeischauen, sind Hobby- Fotografen wie Stefan Brechnitz. Er hat mit dem Bild „Old Piano“ den ersten Platz in der Kategorie „Zahn der Zeit – Ästhetik des Verfalls“ des OP-Blende- Wettbewerbs belegt.

„Einmal als ich dort war, sind mir zwei Fotografen aus Frankreich begegnet. Die waren weit gereist für ihre Bilder“, berichtet Brechnitz. Auch er kommt viel herum, auf der Suche nach verlassenen Orten für seine Fotografien. Als er vor vier Jahren mit dem Fotografieren angefangen hat, interessierten ihn eher die klassischen Motive. Er hat viel im Urlaub fotografiert: schöne Landschaften, ungewöhnliche Tiere und Pflanzen.

Eher zufällig stolperte er vor etwa zwei Jahren am Urlaubsort über ein verlassenes Hotel – und zückte die Kamera. Seitdem ist er ständig auf der Jagd nach Lost Places. „Es gibt da eine richtig große Fotocommunity, ich war selbst überrascht“, berichtet Brechnitz. Er recherchiert viel im Internet, holt sich Inspirationen von Fotografen wie Thomas Windisch, und sammelt Hinweise auf neue Fotostationen.

Ganz einfach ist es nicht, denn die Lost-Places-Fotocommunity ist ein verschwiegenes Grüppchen: „Viele verraten nicht, wo ihre Fotos entstanden sind“, erzählt Brechnitz. Das hat zwei Gründe: Erstens wollen viele Fotografen die Exklusivität ihrer Bilder schützen und die Orte vor Vandalismus und Zerstörung bewahren, zweitens haben sie oft keine Genehmigung, um sich an den Lost Places – Bauruinen, verlassene Militärgrundstücke, Hotels, Flugzeugfriedhöfe und ähnliches – überhaupt aufzuhalten. „Das ist manchmal ein bisschen Grauzone“, grinst Brechnitz.

Verlassene Gebäude sind nicht immer sicher, deshalb ist Stefan Brechnitz meist in Begleitung, wenn er fotografiert. Er selbst würde keine Tür aufbrechen, um an ein Foto zu kommen – aber wenn die Tür bereits aufgebrochen ist oder der Bauzaun eine Lücke hat, riskiert er schonmal einen Blick.

Ihn reizt der morbide Charme der verlassenen Orte: „Ich habe einmal in einer verlassenen Arztpraxis fotografiert. Da standen sogar noch Kaffeebecher auf den Tischen. Alles sah so aus, als ob die Leute einfach eines Abends nach Hause gegangen und nie mehr wiedergekommen seien. Wahrscheinlich war es auch so.“

Manchmal erfährt er die Hintergründe eines solchen Ortes, kann herausfinden, weshalb ganze Häuser von heute auf morgen verlassen wurden – manchmal auch nicht. „Meist hilft es, in einem Ort die älteren Leute zu fragen. Die wissen am besten Bescheid“, verrät Brechnitz. Wer sich auf die Suche nach Lost Places begibt, wird laut Brechnitz vor allem in den neuen Bundesländern fündig. „Aber manchmal findet man auch zufällig etwas in Orten, an denen man schon öfter vorbeigefahren ist. Man muss die Augen offen halten“, erklärt der Hobbyfotograf.

Es lohne sich auch, ein und denselben Ort immer wieder zu besuchen und zu beobachten, wie sich die Natur alles zurückholt – langsam aber unaufhaltsam. Das Fotografieren hat sich der Blende-Gewinner weitgehend selbst beigebracht. „Üben, üben, üben“, lautet seine Devise. Nur für die Nachbearbeitung der Bilder am PC hat er einige Kurse besucht. An verlassenen Orten fotografiert er gerne in HDR-Technik. Der surreale Eindruck der Bildmotive wird durch diese Technik noch verstärkt. HDR steht für High Dynamic Range. Der Fotograf nimmt dafür ein und dasselbe Motiv mehrmals mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen auf. Die Bilder werden mithilfe einer Software anschließend zusammengesetzt. So entstehen Fotos, wie man sie mit nur einer Aufnahme – oder dem menschlichen Auge – nie abbilden könnte.


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Blende 2016







  • Sie befinden sich hier: Blende 2015 – Der morbide Charme verlassener Orte – op-marburg.de