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OP-Buchtipp: Christian Adam: „Der Traum vom Jahre Null“

Bestseller der Nachkriegsjahre

Von einer „Stunde Null“ wird oft gesprochen, wenn vom Jahr 1945 die Rede ist. Aber eine „voraussetzungsfreie Stunde Null“ hat es in Wahrheit nicht gegeben, weder in Politik noch in Gesellschaft und Kultur.
Literatur diente nach dem Krieg der Ablenkung, aber auch der Aufarbeitung des Kriegsgeschehens. (c) Galiani

Literatur diente nach dem Krieg der Ablenkung, aber auch der Aufarbeitung des Kriegsgeschehens.

© Galiani

Die einen sagen über die ersten Nachkriegsjahre, „soviel Anfang war nie“, andere sprechen von einer „Stunde Null“.

Der Autor Christian Adam berichtet in seinem Buch „Der Traum vom Jahre Null“ über „die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945“. Dabei geht es in erster Linie um die populären Unterhaltungsbücher und Sachbuch-Bestseller mit Massenauflagen.

Ein echter Sonderfall ist der Franzose Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“), der in Nazi-Deutschland zu den erfolgreichsten ausländischen Autoren vor allem mit dem Fliegerbuch „Wind, Sand und Sterne“ gehörte und im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland kämpfte. Er war wohl, wie der Autor Christian Adam hervorhebt, der einzige Bestsellerautor im Dritten Reich, der im aktiven Kampf gegen die Deutschen stand.

Der Fall gehört zu dem breiten Strom an Literatur, „der nahezu ungehindert weiterfließt“, wie Adam es formuliert, neben den verfemten und verbotenen Autoren wie Erich Maria Remarque, Heinrich Mann und Anna Seghers, deren Bücher erst nach 1945 wieder in Deutschland erscheinen konnten.

Erfolgreich, weil Deutsche als Opfer gezeigt werden

Zum „breiten Strom, der weiterfloss“, gehörten Bücher wie „Vom Winde verweht“ oder Autoren wie Ehm Welk („Die Heiden von Kummerow“) und Dinah Nelken („Ich an Dich“). Eine andere Besonderheit ist der westdeutsche Kasernenhof-Bestseller „08/15“ von Hans Hellmut Kirst, eines der meistverkauften deutschsprachigen Bücher, das auch in der DDR positiv bewertet wurde, ein Landser-Roman, in dem sich, wie Adam betont, „ganze Generationen wiederfinden konnten“.

Ein ebenso früher Bucherfolg in den westdeutschen Besatzungszonen war Eugen Kogons schon 1945 verfasste und noch heute gültige Dokumentation „Der SS-Staat“, die spätere Auflagen erlebte und bis heute als die erste ausführliche Analyse des Nazi- und KZ-Systems gilt.

Ein „Bestseller made in DDR“ wurde der 1958 erstmals erschienene und auch verfilmte Buchenwald-Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz mit einer Auflage von etwa zwei Millionen, ein Bucherfolg, der trotz Verbreitung auch in der Bundesrepublik zunächst weitgehend ein „Ost-Phänomen“ blieb, wie Adam betont.

In der Bundesrepublik waren die Kriegsromane „Der Arzt von Stalingrad“ und die überaus erfolgreiche Fluchtgeschichte „So weit die Füße tragen“ Sensationserfolge. Ein Erfolg, den Adam auch darauf zurückführt, weil sie die Deutschen als Opfer zeigen, die mit „deutschen Tugenden“ den Krieg überleben beziehungsweise auch unter widrigsten Umständen ihre Menschlichkeit bewahren – die sie bei anderen „Gelegenheiten“ wie den SS-Gräueln wieder vergessen haben und die dann auch nicht in die Geschichten passen.

Bedürfnis nach „normaler Unterhaltungsliteratur“ im Krieg

Adam dokumentiert in seinem gut recherchierten Buch auch die biografische Vorgeschichte mancher Autoren in der NS-Zeit wie zum Beispiel bei Kurt W. Marek, dem Autor des Sachbuch-Bestsellers „Götter, Gräber und Gelehrte“.

Ein westdeutsches Nach­kriegsphänomen mit bitterem Nachgeschmack ist der „unheimliche“ Erfolg der „Landser“-Heftromane, die offiziell nicht beanstandet und erst 2013 eingestellt wurden.

Dass es auch in Kriegszeiten und danach immer ein Bedürfnis nach „normaler Unterhaltungsliteratur“ gab, ist nicht verwunderlich und wird von Adam als „eine der nachhaltigsten Folgen der NS-Literaturpolitik“ überinterpretiert, wie der Autor generell zu manchen überspitzten Auslegungen neigt, die nicht immer schlüssig erscheinen.

So meint er seine These am anhaltenden Erfolg von Autoren wie Ehm Welk („Die Heiden von Kummerow“), Heinrich Spoerl („Die Feuerzangenbowle“) oder später Hugo Hartung („Ich denke oft an Piroschka“, „Wir Wunderkinder“) ablesen zu können. Aber abgesehen von solchen streitbaren Auslegungen hat Adam ein inhaltsreiches und gut dokumentiertes Buch vorgelegt, das die deutsche Nachkriegszeit auf dem Gebiet der Bestseller lebhaft in Erinnerung ruft.

  • Christian Adam: „Der Traum vom Jahre Null. ­Autoren, Bestseller, Leser: Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945“, Galiani, 445 Seiten, 28 Euro.

von Wilfried Mommert


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