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OP-Buchtipp: Alex Capus: „Das Leben ist gut“

Bar-Geschichten über das wahre Leben

Wirklich wichtige Dinge geschehen nicht im Internet. Freundschaft und Liebe brauchen reale Orte, meint Alex Capus. Dafür hat er sich eine Kneipe 
zugelegt. Eine gute 
Entscheidung, wie sein neuer Roman zeigt.
Bereits sieben Mal war Alex Capus in Marburg zu Gast. Sein neuer Roman zeigt große autobiografische Züge. Fotos: Hanser Verlag, Peter Hassiepen

Bereits sieben Mal war Alex Capus in Marburg zu Gast. Sein neuer Roman zeigt große autobiografische Züge.

© Hanser Verlag, Peter Hassiepen

„Das Leben ist gut“ heißt der neue Roman von Alex Capus, und der Titel ist Programm. Das Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben.

Ein Buch, das uns das Wunderbare im Alltäglichen neu entdecken lässt. Obendrein eine augenzwinkernde Ehrbezeugung an die Nachbarschaftskneipe als Ort der Beziehungspflege: „In einem lebendigen Gemeinwesen, in einer funktionierenden Demokratie müssen die Menschen sich an einem physischen Ort frei begegnen können, man sollte seine Freunde nicht nur bei Face­book haben“, lässt er seinen 
Romanhelden sagen.

Zugleich ist dies der bislang am stärksten autobiografische Roman des – neben Martin Suter – seit Jahren kommerziell erfolgreichsten Schweizer Schriftstellers. Wie sein Ich-Erzähler, der Buchautor Max, ist Capus neben der Schriftstellerei mit Herz und Seele Gastwirt.

Bloß nicht eifersüchtig werden

Anders als Max steht er freilich nicht täglich, sondern nur montags hinter dem Tresen seiner „Bar Galicia“ in der Oltener Unterführungsstraße. Im Buch heißt die Bar „Sevilla“. Sie ist das Zentrum von Anekdoten, die Capus zu einem Mosaik aus Liebe und Freundschaft, Treue und Zuverlässigkeit, Achtung vor Träumen und Leistungen seiner Mitmenschen und der Nachsicht für 
ihre Fehltritte zusammenfügt.

Zum ersten Mal seit 25 Jahren schlafen Max und seine Frau Tina nicht im selben Bett. Die Strafrechtsdozentin – Capus’ Frau Nadja im wirklichen Leben ist Juristin – nimmt das Angebot einer Gastprofessur für ein Jahr an der Pariser Sorbonne an. Max, der Bodenständige, bleibt lieber im heimischen Olten – der Name der Kleinstadt im Kanton Solothurn wird nicht erwähnt, aber geübte Capus-Leser erkennen den Ort rasch wieder.

„Natürlich wird Tina in Paris 
auch Männern begegnen, das kann nicht ausbleiben“, überlegt Max. Eifersucht will er nicht an sich herankommen lassen. Wenn schon, dann solle sie wenigstens ihren Spaß haben „während der zehn, zwanzig 
Minuten oder dreißig Minuten, die diese Dinge gewöhnlich dauern“.

Aber würden sie einander nackt gefallen, seine 
Tina und der Lover, von dem Max nie erfahren wird, ob es ihn überhaupt gibt? „Könnte er Tinas Rundungen an den Hüften lieben, wie ich sie liebe? Diese Rundungen hat sie sich mit mir angesessen und nicht mit ihm, und die kleinen Schwangerschaftsstreifen sind von meinen Kindern und nicht von seinen.“

Im wirklichen Leben sind es fünf. Im Buch haben Max und Tina nur drei. Warum das, wenn schon so viel Autobiografisches eingeflossen ist? Capus’ Antwort: „Dass es fünf sind, hätte ja kein Mensch geglaubt. Da denken die Leute, ich sei in einer Sekte oder so. Wenn sie in der Fiktion nicht funktionieren, tun Fakten nichts zur Sache.“

Das Gegenteil von Reizüberflutung

Dabei recherchiert der studierte Historiker und frühere Journalist der Schweizer Nachrichtenagentur SDA die Stoffe für seine Bücher stets äußerst gründlich. Und bei historischen Themen sind ihm Fakten und Primärquellen durchaus heilig. Aber hier geht es vor allem um Selbsterlebtes.

Eingerahmt vom Spannungsbogen der Abreise Tinas nach Paris und ihrem ersten Wochenendbesuch daheim lässt uns Max teilhaben an den Schicksalen seiner Gäste. Alte Freunde und Bekannte zumeist. Miguel, der in finanzielle Schwierig­keiten geraten ist. Der Maurer Sergio, der Türke Ismail, Max’ einstiger Lehrer Toni und dessen amerikanischer Freund Tom, 
der im Vietnamkrieg war und auch schon mit Krokodilen in den Everglades gekämpft hat.

Ist so ein Buch ein Wagnis in dieser Zeit der Reizüberflutung? Eher das Gegenteil: Capus zeigt uns das Schöne in der Einfachheit, führt uns in seiner witzigen und pointenreichen Schreibe den Wert von Freundschaft, Aufrichtigkeit, Verwurzelung, des tagtäglichen Menschseins vor Augen. Damit ist „Das Leben ist gut“ ein Buch, auf das viele gewartet haben dürften, selbst wenn sie das gar nicht wussten.

  • Alex Capus: Das Leben ist gut, Hanser Verlag, München, 240 Seiten, 20 Euro.

von Thomas Burmeister


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