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OP-Buchtipp: Thomas Glavinic: „Der Jonas-Komplex“

Auf der Suche nach dem Ich

Ob auf einer gefährlichen Expedition, im Kampf gegen den Drogenrausch oder versunken im Schachspiel – die Romanhelden von Glavinic treibt alle die eine Frage um: Wer bin ich?
Thomas Glavinic erzählt auch in seinem neuen Roman von einer Reise zum eigenen Ich. Foto: Arno Burgi, S. Fischer Verlag

Thomas Glavinic erzählt auch in seinem neuen Roman von einer Reise zum eigenen Ich.

© Arno Burgi, S. Fischer Verlag

Um diese Frage zu beantworten, schickt der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic seine Helden erneut auf eine potenziell tödliche Expedition.

In seinem neuen Buch „Der Jonas-Komplex“ durchqueren Jonas und Marie gemeinsam die Antarktis, nachdem er im Vorgängerroman alleine den Mount Everest erklommen hat. Und wieder sind sie auf der Suche nach sich selbst und denen, die sie sein wollen.

In dem Buch erzählt Glavinic (44) aber nicht nur die Geschichte dieses aus dem Vorgängerroman bekannten Paares. Parallel belebt der Autor einen anderen alten Bekannten wieder: den namenlosen Schriftsteller aus seinem Roman „Das bin doch ich“ von 2007.

Drogen, Alkohol und Frauen

Und der gibt gleich zu Beginn vor, worum es auf den folgenden rund 750 Seiten gehen wird: „Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.“

Das Leben des Schriftstellers ist bestimmt vom exzessiven Drogen- und Alkoholkonsum. Außerdem wachen regelmäßig Frauen in seiner Wohnung auf, die er entweder nicht kennt oder von denen er nicht mehr weiß, wie sie dorthin gekommen sind.

Er erträgt die Gesellschaft anderer Menschen schlecht; kämpft darum, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen; gibt den klassischen Kinderhasser: „Die allgemeine Begeisterung für kleine Kinder teile ich nicht im Mindesten. Das können bereits ganz üble Menschen sein.“ Gleichzeitig sehnt er sich nach der Nähe zum eigenen Kind, das bei der Mutter lebt.

Glavinic erzählt dieses Mal auch von der Kindheit des Schriftstellers – wie dieser als 13-jähriger Junge in einer trostlosen Umgebung aufwächst und versucht, mit dem Schachspielen der Wirklichkeit zu entfliehen.

Rückblicke erklären das Geschehen

Parallelen zur Biografie des 1972 in Graz geborenen Autors lassen sich mühelos finden, sind aber ebenso müßig. In einem Interview der Tageszeitung „Die Welt“ legt Glavinic Wert auf den „Romanpakt“ – es handele sich um ein fiktionales Werk. Klar sei ihm einiges so oder so ähnlich passiert, anderes natürlich nicht, sagt er in dem Gespräch.

In dem Vorgängerroman „Das Größere Wunder“ bestieg Jonas nach der Trennung von seiner großen Liebe Marie den Mount Everest. Im „Jonas-Komplex“ sind sie nun wieder gemeinsam unterwegs. Um die Vorgeschichte der beiden zu erfahren, muss man „Das Größere Wunder“ nicht gelesen haben. In kurzen Rückblicken erzählt Glavinic, was zuvor geschah.

Zwischendurch ist die Geschichte einfach nur sehr lustig. Etwa dann, wenn der Schriftsteller bei der anonymen Koksberatung als Namen Graf Zeppelin angibt. Deshalb von der humorlosen Ärztin darauf hingewiesen wird, dass Österreich den Adel 1918 abgeschafft habe. Und vom Psychologen den Rat bekommt, eben einfach nur noch zweimal statt achtmal die Woche zu koksen.

Lesenswert ist der Roman auch allein wegen dieser wunderbaren Beschreibung einzelner Momente, die irgendwie jeder kennt: „Der Lift hat schlechte Laune“, schreibt Glavinic etwa, wenn der Aufzug grundlos und durcheinander in verschiedenen Stockwerken hält.

Gemischte Gefühle nach Silvesternacht

Beim Einkauf im Supermarkt denkt der Schriftsteller an „leblose Produkthallen“ mit „Gute-Laune-Radio“. Die Anrufe zum Geburtstag will er als 13-jähriger Junge am liebsten gar nicht entgegennehmen. Es sagten „ohnehin alle dasselbe“.

Der Roman spielt im Jahr 2015. Galvinic erinnert immer wieder kurz an die Ereignisse, die dieses Jahr prägten: den Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, die Aufmärsche des fremden- und islamfeindlichen Bündnisses Pegida, den Beginn der Flüchtlingskrise.

Mit der Silvesternacht ist Schluss. Das Jahr begann für den Schriftsteller mit gemischten Gefühlen: „Mir ist dieses Jahr schon jetzt nicht ganz geheuer“, denkt er beim Aufwachen am Neujahrsmorgen. Am Silvesterabend ist er dagegen schon fast optimistisch: „Ich bin fast glücklich.“ Und auch Jonas und Marie finden eine Antwort.

  • Thomas Glavinic: „Der Jonas-Komplex“, S. Fischer Verlag, 752 Seiten, 24,99 Euro.

von Claudia Kornmeier


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