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Im Makrobereich kennt er sich aus

Blende-Wettbewerb 2014 Im Makrobereich kennt er sich aus

Werner Liese sitzt im Wohnzimmer – Katze Minka schmiegt sich an seinen Beinen entlang – sein Blick ist aus dem Fenster gerichtet, auf den grünen Teich draußen in seinem Garten. Dort, direkt hinter der Wohnung in Wehrda, hat der 65-Jährige eine Heidelibelle fotografiert und damit beim Blendewettbewerb der Oberhessischen Presse gewonnen.

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Von Carolin Acker

Daran war noch nicht zu denken, als sich der Pensionär vergangenen Sommer leise von hinten an den Gartenteich heranschlich, denn auf dem Zaun hatte er etwas entdeckt: Eine rote Libelle saß dort. Jetzt musste er schnell sein, bevor sie wieder wegflog. Mit seiner Canon 700D und einem Zeiss-Objektiv in Retrostellung fokussierte er von schräg hinten und löste schnell aus – ohne Stativ, nur mit Ringblitz. Dann flog die Libelle weg – und das Bild war im Kasten.
„Die Kategorie ,Der Teufel steckt im Detail‘ hat mich besonders angesprochen, weil ich kein Neuling im Bereich der Makrofotografie bin, dann habe ich das Bild der Libelle am Teich eingesendet und gewonnen“, sagt Werner Liese, der zum ersten Mal bei der Blende mitgemacht hat und direkt einen zweiten Platz belegt.

Die Welt in Makro

Seit mehr als 50 Jahren fotografiert Werner Liese leidenschaftlich gerne. Während des Biologie- und Chemiestudiums in Marburg ist sein Interesse am Makrobereich geweckt worden, denn das Fotografieren von Pflanzen und Tieren gehörte zum Studium dazu. „Meine erste Kamera habe ich mir mit einem Ferienjob selbst verdient. Die erste Spiegelreflex konnte ich mir dann während des Studiums kaufen – und sie funktioniert noch heute“, erzählt Liese.
Nach seiner Promotion und dem Referendariat hat Werner Liese als Lehrer an der Carl-Strehl-Schule in Marburg angefangen – einer Förderschule mit dem Schwerpunkt „Sehen“. Auch beruflich spielte der Makrobereich für den heutigen Pensionär eine große Rolle: „Mit Hilfe einer Videokamera habe ich in meinem Unterricht das Livebild biologischer und chemischer Experimente für die sehbehinderten Schüler so vergrößert, dass sie es sehen konnten. In 30 Jahren konnte ich meine Technik mit vielen Tricks und Raffinessen verbessern.“
Auch privat hat Werner Liese immer weiter fotografiert, aber nicht mehr im Makrobereich. Weg von den Nahaufnahmen wollte er hoch hinaus und entdeckte das Bergsteigen und Skifahren für sich. 1984 hat er das Matterhorn bestiegen und eine Ausbildung zum Skitourenführer beim Deutschen Skiverband gemacht. „Die großen Viertausender der Alpen waren mein Metier“, erzählt der 65-Jährige. Natürlich hatte er auch beim Wandern seine Kamera mit dabei – nicht die sperrige Spiegelreflex, aber mit seiner kompakten und leichten Minox 35 konnte er die Alpenlandschaften und hohen Berge festhalten.
„Mein großer Wunsch war immer, eine leichte Bergtour zu machen und mit der kompletten Ausrüstung in den Alpen Makroaufnahmen zu machen“, erzählt Werner Liese, der sich vor zehn Jahren entschlossen hat, mit den extremen Bergtouren abzuschließen. Heute geht der zweifache Vater und Großvater mit seiner Frau lieber wandern und fährt Langlaufski.
Seit dreieinhalb Jahren ist der Chemiker und Entwicklungselektroniker sowie Doktor der Naturwissenschaften in Pension und kümmert sich um die Technik in Haus und Garten und widmet sich wieder den Makroaufnahmen von Insekten und Pflanzen. „Heute fotografiere ich Tiere aber ausschließlich lebendig – da muss man manchmal ziemlich schnell sein“, sagt Werner Liese. „Denn Aufnahmen von toten Tierpräparaten habe ich während des Studiums zur Genüge gemacht.“

Bloß nicht wackeln

Schnell musste er auch bei seinem Bild „Heidelibelle am Teich“ sein. Aber nicht nur auf die Schnelligkeit kommt es an: „Bei der Makrofotografie braucht man viel Ruhe, denn schon bei der kleinsten Bewegung kann das Bild verwackeln.“
Wenn Werner Liese in seinem Arbeitszimmer ist und fotografiert, darf ihn niemand stören. Dort, mit viel Zeitaufwand und Ruhe ist auch sein beeindruckendes Bild „Sonnentau im Dunkelfeld“ entstanden. Ausgestattet mit einem elektronischen Mikrometer und der Kamera befestigt auf einem Einstellschlitten sind 27 Aufnahmen entstanden – mit gleicher Belichtung und Blende. Sein Motiv – den Sonnentau – hat er im Dunkeln fotografiert und mit einer Taschenlampe beleuchtet für den  schimmernden Effekt auf den Tropfen.
Aus den 27 Aufnahmen hat Werner Liese dann mit der „Focus Stacking“-Methode ein Bild generiert. Dafür verwendet der Chemiker und Entwicklungselektroniker das Programm CombineZP. Beim „Focus Stacking“ werden die verschiedenen Aufnahmen übereinander gelegt, durch den veränderten Fokus der einzelnen Aufnahmen wird das Bild scharf bis kleinste Detail.
Angefangen hat Werner Liese mit der Analogfotografie, inzwischen ist er aber vollständig auf digitale Fotografie umgestiegen. „Die neue Technik ist einfach unschlagbar gut, man kann so viele Bilder aufnehmen und wieder löschen, und trotzdem gibt es keinen Verlust wie bei der Analogfotografie“, erklärt Liese. „Mit Methoden wie dem ,Focus Stacking‘ wird das Bild dann noch besser und schärfer.“
Seine Aufnahmen aus früheren Jahren vom Bergsteigen sind hauptsächlich analog und mit Diafilm entstanden. Diese digitalisiert der 65-Jährige jetzt im Ruhestand – ein ganz schönes Stückchen Arbeit, was da noch auf ihn zukommt – aber mit wunderschönen Aufnahmen und Erinnerungen vergangener Abenteuer und Reisen.

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