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Langsam geht‘s voran – aber nur mit Quote

Frauenanteil Langsam geht‘s voran – aber nur mit Quote

Mindestens die Hälfte der Plätze sind für Frauen reserviert – bei den Grünen gilt das seit Jahren. Die großen Parteien holen auf. Bei SPD und CDU stehen mehr Frauen auf den Listen zur Kreistagswahl als je zuvor.

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„Wir können es schaffen!“ Das Motiv stammt aus dem Jahr 1941, doch noch heute ist die fiktive Person Rosie the Riveter (deutsch: Rosie, die Nieterin) ein Sinnbild für Frauenpower – wo auch immer sie gebraucht wird.

Quelle: Wikipedia

Marburg. Die gute Nachricht vorweg: Beim Frauenanteil in den Kreisgremien hat sich viel getan in den zurückliegenden 20 Jahren. Kommunalpolitikerinnen erinnern sich an interessante Begebenheiten aus Zeiten, da Frauen in den Kreisgremien noch echte Exoten waren. „Die Briefe, die ich anfangs bekam, waren an einen Herrn Laaz gerichtet“, berichtet Sandra Laaz, Fraktionsvorsitzende der Grünen, die seit 1997 im Kreistag mitarbeitet. „Und wenn ich als Kreistagsmitglied Termine besucht habe, wurde ich häufig gefragt, wessen Begleitung ich sei“, berichtet die 45-Jährige.

„Jeder lässt andere Perspektiven einfließen“

Seit fast 20 Jahren mit dabei ist auch Juliane Metzger (CDU). Die Stadtallendorferin berichtet, dass sie sich in den ersten vier Jahren ihrer Tätigkeit im Kreistag kaum getraut habe, ihre Wünsche zu formulieren und ihre Interessen kundzutun. „Ich habe aber auch völlig unbedarft angefangen und hatte keine kommunalpolitische Vorbildung“, sagt die 63-Jährige und rät gerade jüngeren Frauen, die sich beteiligen wollen: „Gleich zu Anfang sagen, wo sie gern mitwirken wollen und welche Themen ihnen wichtig sind. Denn wenn man es sagt, wird es meistens auch berücksichtigt.“

Dass Frauen in der Kreistagsarbeit zumeist eher im Hintergrund bleiben, findet Metzger zwar schade, glaubt aber auch, dass es häufig an den Frauen selbst liegt. Sie spricht dabei aus eigener Erfahrung. „Ich wirke gern im Hintergrund, deshalb bin ich in Ausschüssen und Arbeitskreisen mit dabei.“ Reden halten vor dem Kreistag – darauf verzichtet die Stadtallendorferin nur zu gern.

Sandra Laaz, eine von drei  weiblichen Fraktionsvorsitzenden im Kreistag, sieht die Situation etwas anders. Die Frauen bräuchten gezielte Unterstützung, um mehr in den Vordergrund zu treten. „Bei uns Grünen läuft das durch Mentoring –
Frauen aus anderen Landkreisen bieten dabei Unterstützung.“ Auch Coaching sei eine gute Möglichkeit, um Frauen auf einen engagierten Einsatz in der Kommunalpolitik vorzubereiten. „Man muss allerdings schon auf die Frauen zugehen, sonst funktioniert es nicht“, rät sie Parteien, die aufholen wollen in Sachen Frauenanteil.

„Es geht nicht ohne Quotierung“

Vor allem die beiden großen Volksparteien CDU und SPD haben dies – verglichen mit Grünen und Linken – auch nötig. „Es geht nicht ohne Quotierung“, meint Laaz. So sieht es auch Juliane Metzger. „Es war an der Zeit, das so zu regeln“, bezieht sie sich auf das Verfahren, das die CDU im Kreis für die bevorstehende Kommunalwahl angewandt hat. Jeder dritte Platz unter den ersten 30 Listenbewerbern ging an eine Frau – und dafür mussten auch Männer nach hinten rücken, wie der CDU-Fraktionsvorsitzende Werner Waßmuth der OP berichtet.

„Das war nicht leicht, die Herren auch mal auf die Ränge zu verweisen“, bekennt er und betont: „Aber wir brauchen Frauen auf den Listen, um eine gute Durchmischung zu haben.“  Auch von der Altersstruktur her müsse es ein Mix sein, findet Metzger. „Jeder lässt andere Perspektiven einfließen – und das ist wichtig.“ Die SPD setzt ebenfalls auf eine strikte Quotierung. Auf den ersten zehn Plätzen der Kreistagsliste wechseln sich Männer und Frauen ab, insgesamt müssen mindestens 40 Prozent Frauen und Männer vertreten sein, berichtet Fraktionsvorsitzender Werner Hesse. Hinzu kommt, dass auf den ersten 35 Plätzen aus allen Kommunen im Landkreis Kandidaten vertreten sein sollen. Im SPD-Fraktionsvorstand gilt die Maßgabe, dass die Ämter gleichmäßig auf Männer und Frauen verteilt werden. „Wir bemühen uns, aber in vielen heimischen Kommunen fehlt es auch an der Basis, wenn es in Ortsvereinen nur drei Frauen gibt“, nennt Hesse ein Beispiel, betont aber dennoch: „Die Ortsvereine bemühen sich ihrerseits auch – die Frauen nimmt man mit Kusshand auf.“

Gleichberechtigung über die Prozentwerte hinaus

Und wenn die Sache mit der Kusshand nicht reicht? Dann hilft vielleicht eine Gleichberechtigung, die über reine Prozentwerte hinausgeht. Davon ist Anna Hofmann (Die Linke) überzeugt. Im Vergleich zu den meisten anderen Kreistagsmitgliedern noch jung an Jahren, ist die 34-Jährige in der Kommunalpolitik schon fast ein alter Hase. Gerade 20-jährig zog sie vor gut 15 Jahren in den Kreistag ein. „Am Anfang habe ich mich angesichts der Männerüberzahl eingeschüchtert gefühlt“, sagt die Fraktionsvorsitzende. Dass sich die Frauen ihren Platz in der Kreispolitik erarbeitet haben und auf Augenhöhe mit den Männern agieren – dafür lieferten Linke und Grüne gute Beispiele, doch in den meisten anderen Parteien bestehe Nachholbedarf. Die Frauen würden zumeist auf bestimmte Politikfelder festgelegt, auf Familie und Soziales vor allem. Finanzpolitik, Reden im Kreistag, Führungspositionen – „meistens machen all das die Männer“, befindet Hofmann und wünscht sich Gleichberechtigung auch inhaltlicher Art.

 
 

von Carina Becker

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