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Straßenwahlkampf

Fliegenklatschen und Kaffeeklatsch zur Wahl

Wer am Samstagvormittag durch Marburgs Innenstadt flaniert, kommt an den politisch aktiven Menschen nicht vorbei. Sie verteilen Handzettel, Kugelschreiber und haben ein offenes Ohr für viele Themen.
Schauen, was die Konkurrenz so macht: Während die Genossen den SPD-Stand aufbauen, checkt SPD-Mann Ralph Laumer (links) den CDU-Stand. Foto: Nadine Weigel

Schauen, was die Konkurrenz so macht: Während die Genossen den SPD-Stand aufbauen, checkt SPD-Mann Ralph Laumer (links) den CDU-Stand.

© Nadine Weigel

Marburg. Traumwetter für den Straßenwahlkampf. Die Sonne scheint, es ist trocken. Dieter Kopp, Hans Rainer Mudersbach und Lucia Anna Bodenhausen  von der SPD-AG „60plus“ sind zufrieden. Die Senioren der SPD haben in den vergangenen Jahrzehnten schon bei viel niedrigeren Temperaturen Prospekte verteilt.

Dennoch: Nach mehreren Stunden Stehen wird es jedem kalt. Das sagen alle Kandidaten und Parteimitglieder, die an diesem Samstag um Stimmen für sich oder ihre Partei werben. Aber keiner beklagt sich, und gegen das Frieren hilft heißer Kaffee.

9 Uhr morgens: Während der Truck der „Bürger für Marburg“ durch die Universitätsstraße vorbeifährt, packen CDU-Anhänger Kartons aus dem Kofferraum aus, um ihren Stand vor dem Kaufhaus Ahrens aufzubauen. CDU-Fraktionschef Wieland Stötzel hat es eilig, er muss zum Wochenmarkt in die Frankfurter Straße. Dort ist bekanntlich schon früh am Morgen viel los.

Einen heißen Kaffee mit den "Gegnern"

Anders in der Oberstadt. „Es lohnt sich nicht, um 10 Uhr hier zu stehen“, sagt Sandra Laaz vom Grünen-Kreisvorstand. Erst ab elf Uhr werde die Oberstadt lebendiger. Hier zwischen Heumarkt und Marktplatz treffen die verschiedenen Parteien und „alten Gegner“ aufeinander, plauschen miteinander und trinken auch mal einen Kaffee zusammen.

Roland Stürmer von den Grünen begegnet zum Beispiel Gisela Babel, frühere FDP-Bundestagsabgeordnete. „Wir haben schon vor 35 Jahren gegeneinander gekämpft“, scherzt Stürmer. „Ich mag den Kommunalwahlkampf, weil man über konkretere Themen mit den Menschen sprechen und differenzierter aufklären kann als bei einer Bundestagswahl.“

Die Themen sind vielfältig, sagt auch Werner Waßmuth von der Kreis-CDU. Viele Menschen sprechen ihn auf das Thema Flüchtlinge an, sagt er. Einige wenige äußern ihren Unmut darüber. Auch wenn sie nur wenige rechte Sprüche zu hören bekommen: Unberührt lässt dies die Menschen, die für demokratische Parteien werben, nicht.

Nachhilfe im Verstehen des Wahlsystems

Weiteres häufiges Thema an den Ständen ist das Wahlsystem an sich: Wie kumuliere und panaschiere ich? Hans-Martin Reissner von der Jungen Union versucht Neubürgern auf Englisch das Wahlsystem zu erklären. Das Wort Panaschieren kann man nicht wörtlich übersetzen, stellt er fest.

Damianos Kaloudis von den Jusos kommt nicht nur mit aus dem Ausland zugezogenen Marburgern, sondern auch mit vielen Touristen ins Gespräch. Wer am Marktplatz Wahlprogramme verteile, müsse damit rechnen, dass er auf viele Auswärtige treffe, sagt er. Das weiß auch FPD-Parteichef Christoph Ditschler, der mit seinen Mitstreitern fleißig gelbe Topf-Schwämme mit FDP-Logo verteilt. 10 000 Stück habe die Partei in Marburg, die sie bis zum 6. März unter die Leute bringen will. „Für uns ist es der fünfte Samstag, an dem wir hier am Marktplatz stehen. Wir haben viel früher angefangen als andere“, sagt Ditschler.

Saure Bio-Pommes gibtes auf Nachfrage

Die CDU bietet unter anderem Pixie-Bücher für Kinder, Kugelschreiber und Gummibärchen an – die Süßigkeiten sind offenbar sehr beliebt. Eine ältere Frau greift reichlich zu – für die Enkelkinder, sagt sie. Bei den Linken gibt es Tütchen mit sauren Bio-Pommes, aber nur auf Nachfrage, erklärt Jan Schalauske von der Marburger Linken. Er verteile ohnehin am liebsten das Wahlprogramm und informiere über das Programm für einen kostenfreien ÖPNV. An diesem Samstag sprechen ihn aber ganz viele Menschen auf den linken Ökonom Yanis Varoufakis an – der griechische Ex-Finanzminister war am Donnerstagabend in Marburg.

Die SPD verteilt unterschiedliche Werbeartikel. Die roten Fliegenklatschen mit der Aufschrift „gegen politische Eintagsfliegen“ gibt es bei den Genossen in der Universitätsstraße, nicht aber in der Oberstadt.
„Wir haben jeden Samstag etwas anderes, rote Äpfel, rote Muffins und rote Rosen kommen die nächsten Wochen“, sagt Marianne Wölk, die die Passanten mit Fliegenklatschen herbeiwinkt.

von Anna Ntemiris


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