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Politische Rezepte gegen Ärztemangel

Hausärztliche Versorgung Politische Rezepte gegen Ärztemangel

Thematischer Dauerbrenner im Kreistag: der Ärztemangel auf dem Land, vor allem die hausärztliche Unterversorgung. Die Listensprecher verraten, wie die Fraktionen die ärztliche Versorgung verbessern wollen.

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Der Hausarzt vor Ort – er ist Vertrauensperson und medizinische Fachkraft in einem, unersetzlich für die Grundversorgung. In ländlichen Gebieten des Kreises ist diese Grundversorgung teils schon nicht mehr gegeben.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Was kann der Landkreis tun, um die hausärztliche Versorgung in der Fläche zu verbessern?

Werner Waßmuth, CDU:

Viele Entscheidungen zur Bewältigung des Ärztemangels auf dem Land müssen auf übergeordneter Ebene getroffen werden: Dabei denke ich  an die Neueinteilung der Bezirksgrenzen, damit nicht immer mehr Ärzte in der Kreisstadt praktizieren und in fast allen anderen Orten das Angebot fehlt. Auch vor Ort können wir etwas tun: Im Kreistag wird sich die CDU dafür einsetzen, für Medizinstudenten, die nach der Ausbildung in der Region als Landarzt arbeiten, die Bafög-Kosten zu übernehmen. Wir werden  dafür eintreten, den ärztlichen Bereitschaftsdienst wieder auf die Fläche auszuweiten. Der ländliche Raum muß strukturell attraktiver werden, dazu gehören Nahversorgung,  schnelle Internetverbindung,  ÖPNV,  Kinderbetreuungsangebot,  Kitas, das Schul- und Freizeitangebot, aber auch bezahlbares Bauland.

Bernd Schmidt, FW:

Gäbe es ein Rezept, hätte ich es schon längst patentieren lassen. Dieses Thema beschäftigt Landkreis und Kommunen schon seit langer Zeit ohne jedoch sichtbare Erfolge aufzuweisen. Aus meiner Sicht ist hier die Landesregierung der richtige Ansprechpartner, der wiederum auf die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) einwirken sollte, um hier Erleichterungen für die Ärzteschaft zu erzielen. Entbürokratisierung im Abrechnungsverfahren und bei der Ausweisung neuer Praxissitze wären eine Möglichkeit. Denkbar wäre auch, dass der Kreis finanzielle Hilfen gewährt, um so niederlassungswilligen Ärzten zu helfen und somit auch den Menschen im Kreisgebiet. Eine weitere Überlegung wäre, kommunale Praxen einzurichten, in denen jüngere Ärzte als Angestellte beschäftigt werden.

Frank Lerche, Piratenpartei:

Man muss klare Anreize für Ärzte schaffen, sich im Landkreis niederzulassen. Dazu gehört eine gute Infrastruktur und Anschluss an das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Stadt sowie Schul-,   Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote auch für Familienangehörige. Wenn das nicht reicht, muss man es selbst machen, muss Ärztepraxen oder Zentren einrichten und Ärzte einstellen. Die Region braucht eine ortsnahe medizinische Versorgung, damit die Lebensqualität erhalten bleibt und es nicht zur Landflucht kommt. Die Untätigkeit des Kreises im Falle der Schließung der Geburtshilfe Biedenkopf führt zu weiterer Verödung der Region und zur Landflucht. Familiengründung kann man im Altkreis Biedenkopf nicht mehr empfehlen, Taxifahrern sei eine Ausbildung zum Geburtshelfer angeraten.

Anna Hofmann, Die Linke:

Die Linke fordert seit Jahren, zu handeln und in den unterversorgten Gebieten im Kreis zwei medizinische Versorgungszentren mit Haus- und Fachärzten zu errichten: Entweder in kommunaler Hand oder von einer unabhängigen Ärztegenossenschaft getragen. Insbesondere in Biedenkopf muss schnell etwas passieren, da die Bewohner der Seniorenheime nicht mehr hausärztlich versorgt werden können. Der Landkreis muss sich stärker gegen die KV wehren und im Zweifel Entscheidungen gegen diese durchsetzen: Der ärztliche Notdienst sollte wieder dezentralisiert und mindestens an drei Standorten im Kreis angesiedelt werden. Es sind erhebliche finanzielle Aufwendungen erforderlich, um jungen Ärzten Anreize zu schaffen, sich im ländlichen Raum niederzulassen und die Zwei-Klassen-Medizin im Kreis abzuschaffen.

Sandra Laaz, Die Grünen:

Das klassische Landarztmodell, bei dem ein Arzt wie im Fernsehen rund um die Uhr zur Verfügung steht und die Gattin ihm den Rücken freihält, hat ausgedient. Heute wollen beide Partner arbeiten und für die Familie da sein. Wir brauchen neue Praxisformen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, die dies ermöglichen und eine Tätigkeit in der ländlichen Region attraktiv machen. Hier muss die kassenärztliche Vereinigung mehr Flexibilität und tatkräftiges Engagement zeigen. Sie haben den Versorgungsauftrag, den sie auch erfüllen müssen. Wo es Versorgungslücken gibt, müssen praktikable, regionale Konzepte im Gespräch zwischen Kommune, Medizinerinnen und der KV gefunden werden. Die medizinische Versorgung außerhalb der Sprechzeiten muss den Bedürfnissen einer alternden Bevölkerung angepasst werden.

Reimund Dittmann, AfD:  

Die medizinische Versorgung in der Fläche ist nur zu gewährleisten, wenn Ärztekammern, Sozialkassen und Gesetzgeber aus Bund und Land zusammenarbeiten. Landarzt zu sein muss sich wieder lohnen. Das Gesamtpaket muss stimmen. Unattraktive Landarztstellen attraktiver gestalten. Übernahmen und Investitionen von Arztpraxen steuerlich über mehrere Jahre erheblich verbessern. Wer auf dem Land den AiP absolviert, sollte eine umfassende Förderung als Landarzt erfahren, weil er seine gesellschaftliche Verantwortung als Landarzt vor eine klinische, wissenschaftliche Karriere stellt.

Kirsten Fründt, SPD:

Die Situation in den einzelnen Teilen des Landkreises stellt sich unterschiedlich dar. Daher sind für die Sicherung der ärztlichen Versorgung auch unterschiedliche Ansätze nötig. Im Hinterland sollten Hausärzte durch finanzielle Unterstützung dazu angeregt werden, sich niederzulassen, da Unterversorgung droht. Generell müssen die Hausärzte aber von Tätigkeiten entlastet werden, die auch nicht-ärztliches Personal erledigen kann. Zum Beispiel können Praxisassistenten Hausbesuche übernehmen. Auch der Transport von Kranken zum Arzt, um so Hausbesuche zu reduzieren, wo sie nicht zwingend notwendig sind, könnte Ärzte entlasten und medizinische Versorgung im ländlichen Raum sicherstellen helfen. Diese Maßnahmen sollten Wirkung zeigen können, bevor wir neue Wege wie hausärztliche MVZs beschreiten.

Jörg Behlen, FDP:

Das staatliche Gesundheitswesen ist schwer erkrankt, an dirigistischen Einzelmaßnahmen, was zu erheblichen Fehlanreizen führt. Wer sich von seinem Arzt seine Quartalsabrechnung zeigen lässt, wer sich erklären lässt, dass Ärzte nicht in Euro, sondern nach Punkten bezahlt werden, der dürfte sich wundern, dass überhaupt noch Ärzte in Deutschland praktizieren. Im Gesundheitssystem wird der Mangel staatlich optimiert – am Ende stellen wir erschüttert fest, wir haben den Mangel in der Fläche ungleich verwaltet. Der Arztberuf ist eine Berufung. Er muss wieder freier Beruf werden, dann folgen alle sklerotischen Erscheinungen einem wundersamen Selbstheilungsprozess. Das liberale Konzept: weniger Staat, weniger Gängelung für Patienten und Ärzte, das wäre eine Operation wert.

von Carina Becker

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