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Zwölf Jahre Haft: Das Urteil lautet auf Mord

Aus dem Gericht Zwölf Jahre Haft: Das Urteil lautet auf Mord

Die Richter am Marburger Landgericht sahen das Mordmotiv der "niedrigen Beweggründe" als erwiesen an und folgten dem Antrag der Staatsanwaltschaft in voller Höhe.

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Staatsanwalt Nicolai Wolf führte die Anklage vor dem Landgericht im Prozess um die Bluttat von Bottenhorn. Das Schwurgericht folgte seiner Ansicht und verurteilte den Angeklagten für die Messerstiche gegen seine Exfreundin wegen Mordes.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Auch wenn der alkoholsüchtige und betrunkene Angeklagte die Bluttat am 16.Februar dieses Jahres im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit beging, ändert dies nichts an der Tatsache, dass es sich bei den massiven Messerattacken gegen das Opfer um Mord, nicht Totschlag handelt, entschied das Schwurgericht gestern nach neunstündiger Verhandlung.

Ausschlaggebend für das Urteil war unter anderem das psychologische Gutachten des Täters. Eine wachsende Verlustangst und damit einhergehende „fast wahnhafte Eifersucht“ waren die Triebfeder für den 24-Jährigen - „mit aller Macht hat er an der Beziehung festgehalten“, fasste Psychologin Dr. Petra Bauer zusammen.

Gutachterin attestiert „hohes Rückfallrisiko“

Nach dem Zerbrechen der vorangegangenen Beziehung entwickelte der unsichere Mann seit 2012 zunehmende Angstzustände und Depressionen. Ein massiver Alkoholkonsum war die Folge, der bereits im vergangenen Jahr als Abhängigkeit betrachtet werden könne, so die Sachverständige.

Einen „fortgesetzten, massiven Alkoholkonsum“ betrachtete sie als Hauptgrund für sein gesteigertes aggressives Verhalten bis hin zum Verlust der Steuerungsfähigkeit, was letztendlich für die Bluttat verantwortlich war.

Aufgrund der Sucht zeige der Mann „massive Persönlichkeitsauffälligkeiten, ausgelöst durch ein geringes Selbstwertgefühl und eine instabile Persönlichkeit“. Auch zum Tatzeitpunkt habe eine „krankhafte, seelische Störung“ vorgelegen. Der 24-Jährige neige zu „depressiven Entgleisungen“ und falle in eine Hochrisikogruppe, prognostizierte die Expertin, attestierte ein „hohes Rückfallrisiko“ und sprach sich für eine Unterbringung in einer Entzugsanstalt für den Süchtigen aus. Aufgrund der Alkoholabhängigkeit spreche zudem viel für eine verminderte Schuldfähigkeit des Täters.

Dies sah auch die Staatsanwaltschaft als gegeben - an den erwiesenen „niedrigen Beweggründen“ als strafrechtliches Mordmerkmal änderte dies freilich nichts, stellte Staatsanwalt Nicolai Wolf fest.

Noch kurz vor der Tat telefonierte der durch „überbordenden Alkoholkonsum“ belastete Täter am 16.Februar mit seiner Ex-Freundin, die ihm endgültig zu verstehen gab, dass es keine Zukunft für das Paar geben werde, fasste der Anklagevertreter zusammen.

Erneut habe ihr der aufgebrachte Ex vorgeworfen, einen neuen Partner zu haben und sie mit dem Tode bedroht. Vor dem Hintergrund, dass „kein anderer Mann sie haben sollte“, stach er schließlich wiederholt mit dem 35 Zentimeter langen Messer auf sie ein. Er verletzte sie, „um seinen alleinigen Besitzanspruch zu demonstrieren - an dem Tötungsvorsatz besteht kein Zweifel“, betonte Wolf. Dem schloss sich die Nebenklage an.

Verteidigung plädiert auf Totschlag und acht Jahre

Der Ablauf der Tat sei unstrittig, das Mordmerkmal dagegen nicht, erklärte dagegen die Verteidigung und hob die vermeintliche Spontanität der Tat hervor. Der suchtkranke Mann litt unter der Trennungssituation, fuhr nur deshalb zu der jungen Frau, „um Klarheit zu erhalten - nicht, damit sie kein Anderer bekommt“, betonte Verteidiger Sascha Marks in seinem Plädoyer.

„Er hatte keinen Plan, es war eine Spontantat“, erklärte der Anwalt und sprach sich für einen Totschlag in einem minderschweren Fall aus. Als Strafmaß beantragte die Verteidigung eine Freiheitsstrafe von etwa acht Jahren. „Ich bereue sehr, sehr stark, was passiert ist“, ergänzte der Angeklagte. Dies waren seine letzten Worte in der Hauptverhandlung, das Urteil vernahm er mit starrem Blick, schaute immer wieder zu der trauernden Familie der Getöteten hinüber, wirkte ungläubig und erschüttert.

Das Schwurgericht folgte letztlich dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Zur zwölfjährigen Freiheitsstrafe ordnete die Kammer eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt mit einer umfangreichen Suchttherapie an, jedoch nicht vor Ablauf von vier Jahren und zwei Monaten Haft. Der Führerschein des Verurteilten wird eingezogen. Neben dem Hauptanklagepunkt wurde der Mann zudem wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss in zwei Fällen verurteilt.

Familie erhält 30000 Euro Schmerzensgeld

Die Nebenklage erwirkte darüber hinaus eine Zahlung von 30000 Euro Schmerzensgeld an die Familie des Opfers.

Das Mordmerkmal der niederen Beweggründe, dass „auf der sittlich untersten Stufe“ stehe, sei in dem Prozess eindeutig bewiesen worden, erklärte der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul. Der Täter habe nach dem sogenannten Ausschließlichkeitsprinzip gehandelt, äußerte mehrfach, wenn er die Frau nicht bekomme, solle sie keiner haben. Auch eine spontane Tatbegehung ändere daran nichts.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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