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Zwei Vereine erhalten das Kirchlein

Kapelle Zwei Vereine erhalten das Kirchlein

Vor dem Abriss bewahrt, für die Zukunft ertüchtigt: Ohne den Einsatz von ehrenamtlichen Helfern wäre das Schicksal der Kapelle in Niedereisenhausen schon längst entschieden.

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Im Innenraum der Kapelle in Niedereisenhausen wartet noch viel Arbeit.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Niedereisenhausen. Die alte Kapelle des Ortes liegt etwas versteckt, in zweiter Reihe zwischen Wohnhäusern an der Schelde-Lahn-Straße. Während der vergangenen fünf Jahrzehnte verlor die kleine Kirche, die zuvor mehrere Jahrhunderte der Dreh- und Angelpunkt des kirchlichen Lebens im Dorf war, ihre Bedeutung - und rückte dadurch auch sprichwörtlich in den Hintergrund. Gottesdienste feierte die Gemeinde in der großen Pfarrkirche in Obereisenhausen, nur sporadisch versammelten sich die Gläubigen noch an der mittelalterlichen Kapelle, an der der Zahn der Zeit sichtbar nagt. Im Alltag erinnert oft allein der helle Klang der Glocken im Turm die Menschen in Niedereisenhausen an das verschlafene Kirchlein im Hinterhof.

Doch im Sommer begannen endlich die seit langer Zeit geplanten Sanierungsarbeiten an der äußeren Hülle des Bauwerks. Und schon im Herbst wurden die Bauarbeiten beendet. Unter der Leitung von Bauingenieur Franziskus Hartmann aus Weidenhausen wurden unter anderem das Norddach und der Westgiebel mit Moselschiefer eingedeckt und das Mauerwerk ertüchtigt. Rund 130.000 Euro kosteten diese Arbeiten, gefördert durch das hessische Landesamt für Denkmalpflege mit 65.000 Euro. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz gab 50.000 Euro und die Gemeinde Steffenberg weitere 15.000 Euro.

Mühsamer Weg beginnt 1979

„Wir sind sehr froh, dass die Fassade nun fertig ist“, betont Ute Ruffert, die Vorsitzende des Vereins Niedereisenhausen Dorf(er)leben. Denn hinter den engagierten Bürgern, die sich für die Restaurierung der Kapelle stark machten, liegt ein langer, teils mühsamer Weg - er ­beginnt im Jahr 1979.

Weil das Gebäude, dass der Gemeinde Steffenberg gehörte, leer stand, planten die Landeskirche Hessen-Nassau sowie der damalige Landeskonservator Dr. Gottfried Kiesow, die Kapelle ab- und im Vogelsbergkreis wieder aufzubauen. Dagegen wehrten sich die Niedereisenhäuser, sodass die Pläne im Jahr 1980 verworfen wurden. „Wir wollten die Kapelle erhalten, denn vor allem ältere Mitbürger fühlen sich mit dem Gebäude verbunden, sie hängen daran“, erzählt Ruffert. Die Kirche sollte im Dorf bleiben - im wahrsten Sinne des Wortes.

Im darauffolgenden Jahr übernahm der Förderkreis Alte Kirchen das Eigentum an der Kapelle, die sich in einem beklagenswerten Zustand befand. Der Verein wurde 1973 in Marburg zur Rettung gefährdeter Kirchen in der Region gegründet. Der Förderkreis stellte sofort für die dringendsten Erhaltungsmaßnahmen rund 65000 Euro bereit. Örtliche Handwerksbetriebe renovierten die Fassade, später wurden Feuchtigkeitsschäden behoben, der Westgiebel gegen die Feuchtigkeit mit Planen abgedeckt, das Uhrwerk gangbar gemacht und, und, und.

2007 erster Gottesdienst nach fast 50 Jahren

Kleinere Arbeiten erledigte eine engagierte Rentner-Gruppe, die zum Beispiel Tür und Vordach in Stand setzten. Ute Ruffert sagt: „Dieses Grüppchen war ein Motor!“

Durch den Förderkreis wurde zuletzt im Jahr 2007 das Süddach repariert. Danach wurde noch im selben Jahr erstmals seit 1960 am Jakobustag wieder ein Gottesdienst in dem alten Gemäuer gefeiert. Außerdem bildete sich eine Initiative mit dem Ziel, die alte Kirche erhalten und nutzen zu wollen.

Tatsächlich fanden in der Folgezeit vermehrt Veranstaltungen in der Kapelle statt, zum Beispiel am „Tag des offenen Denkmals“. Pilger, die auf dem oberhessischen Jakobsweg, dem Elisabethpfad, Niedereisenhausen durchquerten, konnten fortan in der Kapelle verweilen.

Im Jahr 2009 wurde aus der Initiative ein eingetragener Verein: „Niedereisenhausen Dorf(er)leben“. Eines der maßgeblichen Vereinsziele ist seitdem, die denkmalgeschützte Kapelle zu erhalten und eine kulturelle Nutzung zu gewährleisten.

Zwischenzeitlich hatte der Förderkreis Alte Kirchen versucht, das Eigentum an der Kapelle auf die politische Gemeinde zu übertragen. „Denn die Übernahme durch uns war eigentlich nur eine Zwischen­lösung“, erinnerte Bettina Heiland vom Förderkreis.

Oberster Rang in der Dorferneuerung

Sogar im kommunalen Konzept für die Dorferneuerung nahm das Projekt „Übernahme und Instandsetzung der Kapelle“ den obersten Rang ein. Am Ende aber übernahm die Gemeinde Steffenberg das Kirchlein nicht. Also stand im Jahr 2013 endgültig fest, dass eine Förderung über das Dorferneuerungsprogramm, rund 250.000 Euro waren vorgesehen, ausscheidet. So wurden der Förderkreis als Eigentümer und der Dorfverein im vergangenen Jahr selbst tätig - mit dem bekannten Erfolg. Doch noch fehlt ein bedeutender Schritt: die Sanierung des Innenraums. Dort bröckelt Putz von Decke und Wänden, auch einzelne Bodensteine sind locker und bisher besteht keine Möglichkeit, innerhalb der dicken Mauern zu heizen. Wahrscheinlich 90.000 Euro werde der letzte Abschnitt der Restaurierung kosten, prognostiziert Landesdenkmalpfleger Dr. Bernd Buchstab.

Anfang November kam dann die Überraschung: Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages gab das Geld des fünften Denkmalschutzsonderprogramms frei. Aus diesem Topf erhält der Dorfverein 30.000 Euro für die Renovierung. Weitere 30.000 Euro sind bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beantragt. Und wenn die Stiftung das Geld bewilligt, werde sich wohl auch das Landesamt mit 30.000 Euro beteiligen, vermutet Dr. Buchstab.

Der Dorfverein jedenfalls will die gute Arbeit der vergangenen Jahre fortsetzen. Bisher wurde die Kapelle als Konzertsaal, als Kino, als Ort für Ausstellungen genutzt, im vergangenen Mai fand darin sogar eine kirchliche Trauung statt. Und immer wieder kamen Pilger in der Kapelle zur Ruhe und hinterließen Grüße im Gästebuch. So auch im April Karl Lederer aus Oberbayern auf seiner langen Reise von Aachen zum Chiemsee. Er schrieb: „Für Sie ist es ein ebenso langer Weg, dieses Kirchlein am Leben zu erhalten, aber es ist es wert!“

von Benedikt Bernshausen

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