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Zwei Jahre Haft für Enkeltrick-Betrüger

Aus dem Amtsgericht Zwei Jahre Haft für Enkeltrick-Betrüger

Ein sogenannter Abholer eines Enkeltrick-Betrugs wurde am Dienstag vor dem Amtsgericht in Marburg zu zwei Jahren Haft 
verurteilt.

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Ein Mann posiert mit einem Telefon, um einen Enkeltrick-Betrugsversuch nachzustellen.

Quelle: Julian Stratenschulte / dpa

Marburg. „Hallo Oma“, meldet sich im 22. April 2016 eine Frauenstimme am Telefon einer 59-Jährigen aus Hartenrod. Die Anruferin benötigte dringend Geld für ein Auto, da sie in Schwierigkeiten steckte.

Dass es sich um einen Betrug handelt, war der Zeugin schnell klar; ihre Enkelin ist erst sechs Jahre alt. Also ging sie am Telefon zum Schein auf die vermeintliche Enkelin ein, die sofort 18.000 Euro benötigte. Das Geld solle die Angerufene einem Mann Namens Meier übergeben. Die Zeugin schaltete die Polizei ein.

Eine Kriminalbeamtin übernahm die Geldübergabe, bei der der 54-jährige Angeklagte festgenommen wurde. Staatsanwalt Oliver Rust legte ihm zur Last, ein Mitglied einer Bande gewerbsmäßiger Betrüger zu sein und forderte eine Freiheitsstrafe von 26 Monaten.

Kontaktmann mit polnischer Nummer bleibt unentdeckt

Eine leitende Kriminalbeamtin bestätigte in ihrer Zeugenaussage, dass es sich bei den Enkeltrick-Betrügereien um Bandenstrukturen mit internationalen Verstrickungen handelt. Die Hintermänner seien nur schwer zu ermitteln – oder gar nicht. Zu Kontakten nach Polen – denn von dort nahm der Angeklagte vor seiner Verhaftung Anrufe auf einem Handy entgegen – machte er keine Angaben. Er sei für nur einen Tag zur dieser einen Übergabe nach Deutschland gereist, sagte er.

Angesicht seines mit Wechselkleidung und einem Beautycase gepackten Koffers, den die Kripo in einem Schließfach in Siegen gefunden hatte, eine für den Vorsitzenden Richter Dominik Best eine eher unglaubwürdige 
Aussage. Somit stand die Annahme im Raum, dass der Angeklagte nicht nur für diese Tat nach Deutschland gereist war. Auch eine mögliche Zuge
hörigkeit zu einer Bande – wie in der Anklageschrift verlesen – war Gegenstand der Verhandlung.

Im Tatzeitraum hatte es im Landkreis drei weitere Enkeltrick-Betrugsversuche gegeben: in Lohra, Biedenkopf und Dautphetal. Die Angerufenen hätten die Betrugsmasche aber sofort erkannt und das Telefon beendet. Die Enkeltrick-Betrügereien seien durchaus kein Marburger Phänomen, erklärte 
die leitende Kripobeamtin als Zeugin. Die Anrufer, sogenannte Keiler, befänden sich zumeist in einem Callcenter im Ausland und rufen unterschiedliche Personen an.

Die Auswahl werde anhand der Vornamen getroffen, um Ältere unter Druck um ihr Erspartes zu bringen. Ein Fahrer bringe den Abholer in der Regel zum Übergabeort des Geldes, ein Logistiker ist zur Koordination zwischengeschaltet und dazu, Spuren zu den Hintermännern ins Leere laufen zu lassen. Die Zeugin, die 15 bis 20 Jahre im Betrugsdezernat arbeitet, erklärte, 
dass Enkeltrick-Betrügereien in den vergangenen Jahren vermehrt aufgetreten sind. Auch im Landkreis habe es etliche Versuche gegeben, die jüngste Verhaftung gelang vor vier Wochen in Marburg – ebenfalls ein Abholer.

Bandenstruktur nicht nachweisbar

Bei diesen Männern handele 
es sich um die kleinsten Rädchen, erklärte Richter Best. Der Angeklagte war für nur 500 Euro bereit, sich dem Risiko einer Verhaftung auszusetzen. Er 
habe offenbar aufgrund seiner 
Lebenssituation einen großen Anreiz gehabt, sich erneut 
anwerben zu lassen, obwohl er unter Bewährung stand. Der Angeklagte wurde bereits zwei Mal beim Enkeltrick-Betrugsversuch erwischt und verurteilt, zuletzt im Mai 2013 in Berlin zu einem Jahr und vier Monaten auf drei Jahre zur Bewährung.

Da zwar nach der Beweisaufnahme vieles für eine Bandenstruktur sprach, dies aber nicht nachweisbar war, wurde der 54-Jährige nur wegen versuchten gewerbsmäßigen Betrugs zu zwei Jahren Haft verurteilt. Zu seinen Gunsten sprach, dass er die Tat gestanden hat.

Zu Hintermännern schwieg er sich aus, nur bei den Fragen der Bandenzugehörigkeit, zu denen juristisch gesehen mindestens drei Personen zählen, die sich dazu verabreden, Straftaten zu begehen, reagierte er mit einem lautstarken und emotionalen Dementi.

von Silke Pfeifer-Sternke

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