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Zu Besuch bei den Breidenbacher Schlossherren

Denkmalschutz Zu Besuch bei den Breidenbacher Schlossherren

Die Übergabe eines Förderbescheides gewährt die seltene Gelegenheit eines Einblicks in die Privaträume des Breidensteiner Schlosses.

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Freudiger Moment im Gesellschaftszimmer (von links): Der Bundestagsabgeordnete Stefan Heck übergibt Dr. Johann-Heinrich Jung einen 50 000-Euro-Förderbescheid, Landeskonservator Bernhard Buchstab kündigt 60 000 Euro von der hessischen Denkmalpflege an.

Quelle: Tobias Hirsch

Breidenstein. Es ist frisch im Treppenhaus, so frisch, dass Schlossherr Dr. Johann-Heinrich Jung, einer der Nachfahren derer von Breidenbach zu Breidenstein, seine Gäste einlädt, schnell die Balustertreppe zu erklimmen, um in das Obergeschoss des Schlosses Breidenstein zu gelangen. Zusammen mit seinem Cousin Dr. Georges H. Stückelberg von Breidenbach kümmert er sich um das Anwesen der Familie im Biedenkopfer Stadtteil.

Über die sich einmal um 180 Grad wendende Holztreppe mit den vielen Einzelsäulen geht es hinauf, an deren Ende nach rechts in andere Gemächer, nach links ins Wohnzimmer. Dort fällt der Blick sogleich auf ein großes Gemälde, das den Landgrafen zeigt, welchen, den 7. oder 9., wisse man nicht mit Sicherheit, bemerkt Sophie Mommsen, die mit ihrer Schwester Annick zu Besuch bei ihrem Großvater ist. Dafür können die abgebildeten Personen auf den anderen, reichlich vorhandenen Gemälden umso sicherer benannt werden: Alles Vorfahren der jetzigen Generationen im Adelsgeschlecht.

Das Haus schwingt, der Statiker winkt

Ebenso auffällig wie das Gemälde des Landgrafen ist der sehr lange und etwa 30 mal 30 Zentimeter dicke Tragbalken, an der Decke. Der Eichenbalken fällt nicht nur wegen seiner braunen Verzierungen auf, sondern auch dadurch, dass er sich wie eine Hängebrücke über einem Urwaldfluss biegt. Der Eindruck verstärkt noch das Gefühl, den der unebene Boden an die Bauchgegend signalisiert – den, auf einem schwankenden Schiff zu sein.

„Das Haus schwingt konstruktionsbedingt“, erklärt der 83-jährige Dr. Jung. Dies wegen der verwendeten Materialien und weil der Fachwerkbau, als er Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Grundfesten früherer Bauten entstand, aufgestockt wurde und sich im Laufe der Zeit zu einer Aneinanderreihung von Wohn-, Gesellschafts- und Schlafzimmern entwickelte.

Noch heute gibt es keinen Flur, über den jedes Zimmer zu erreichen wäre, deshalb führt der Schlossherr seine Gäste von einem Zimmer ins nächste. Jedes ist mit alten Möbeln – meist Eiche – bestückt, viele stammen aus Schweizer Patrizierhäusern. Man lebe hier zwar nur temporär, aber eben doch wie in einem Museum, erläutert Dr. Jung. Ein Museum, das arm an Kostbarkeiten, dafür umso reicher an ideellen Erinnerungsstücken ist.

Die Wände der Räume sind mit Holztafeln verkleidet und zum Teil mit meist ehemals grünen Stoffbahnen in manchen auch mit Leder bespannt. Dort, wo es keine Wandverkleidung gibt, zieren deutlich hervortretende Risse die Wände aus Strohgeflecht, Lehm und Außenputz. Und: Die meisten Zimmer sind kühl.

In einem Viertel des Schlosses gibt es keinen Anschluss an die Zentralheizung, erklärt Dr. Jung, und die lässt, wenn das Haus mit Gästen gefüllt ist, in einer Woche auch schon mal 500 Liter Heizöl in Rauch aufgehen, damit „es einigermaßen warm ist“. Gefüllt, das ist zumeist der Fall, wenn die Familienmitglieder aus Deutschland, der Schweiz und auch Frankreich an Feiertagen oder zu Familienfesten auf dem Schloss zusammenkommen.

„Wir haben hier fast alle Ferien verbracht“, berichten die beiden Enkelinnen Annick und Sophie, die in Berlin studieren. Sie kennen jeden Winkel des Hauses, dessen Fassade 32 Meter misst und beim Frühjahrsputz den Einsatz an rund 3000 Fensterrahmen fordert.

Und so waren und sind die Ferien auch immer zugleich Arbeitszeit zum Erhalt ihres Stammsitzes. Dazu wäre auch eine wirtschaftliche Nutzung hilfreich, doch die ist leider nicht möglich, gesteht Dr. Jung ein. Auch darin setzt die leichte Bauweise Grenzen. Nicht mehr als 4,5 Tonnen Gäste seien dem Gebäude zumutbar, habe mal ein Statiker errechnet, berichtet der Schlossherr.

So teilen die Nachfahren dasselbe Schicksal wie ihre Ahnen, deren Land arm an Ertragsfähigkeit war. Seitdem die Breidenbachs zu Breidenstein die obersten Gerichtsherren des Breidenbacher Grunds waren, mussten sie ihren Lebensunterhalt als Offiziere, Generäle oder Kabinettsmitglieder verdienen, lebten hauptsächlich in Darmstadt „oder anderswo“, erzählt Dr. Jung im Esszimmer.

Aus Versailles-Verschnitt wurde nichts

Dort hängt ein etwa 2 x 4 Meter großer Rahmen, der den Stammbaum der Familie umfasst und mit dem Jahr 1712 endete, was zugleich ein Anfang war. Damals heiratete ein Breidenbach eine von Adelebsen. Die gute Partie aus der Nähe von Göttingen brachte das nötige Geld mit, um den Herrschaftssitz zu erbauen.

Anscheinend aber doch nicht genug, um die allzu großzügigen Pläne komplett umsetzen zu können: Den Familienstammbaum im Rücken, blickt man durch eine Fensterfront auf das Perftal hinaus. Dort sollte zu den Hügeln des Lahn-Dill-Berglandes hin eine barocke Parkanlage à la Versailles entstehen. Davon ist jedoch nur ein kleiner Teil verwirklicht. „Zum Glück“, findet der Erbe, sonst wären die Belastungen für den Unter- und Erhalt des Anwesens noch größer.

Denn erneut stehen Arbeiten gegen den Verfall an, bei denen die Eigentümerfamilien Unterstützung erfahren. Er habe sich gern eingesetzt, um den Erhalt dieses Kleinods, dieses besonderen Denkmals im Landkreis zu unterstützen, sagt der Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Heck. Der Christdemokrat übergibt einen Förderbescheid über 50 000 Euro aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Kulturministeriums.

Landeskonservator Bernhard Buchstab stellt 60 000 Euro der Hessischen Denkmalpflege für das „hochkarätige Ensemble im historischen Zentrum des Hinterlands“ in Aussicht. Den Rest der kalkulierten förderfähigen Kosten in Höhe von 180 000 Euro tragen die Eigentümer, wobei Dr. Jung davon ausgeht, dass es nicht bei den 70 000 Euro bleibt. „In der Regel gibt es Überraschungen, und die sind nicht freudiger Art“, weiß der gelernte Maurer und Maschinenbauer, der schon vieles am Haus seiner Vorfahren selbst gemacht hat, von der Elektrik bis zur Erneuerung der Lederbespannung an den Wänden.

Was diesmal ansteht erklärt der Gladenbacher Architekt Franziskus Hartmann: Ab dem 7. April wird das Schieferdach auf der Hofseite neu eingedeckt, an der Fassade rechts vom Eingang wird der Kunststoffputz entfernt und durch atmungsaktiveren Kalkputz auf Schilfrohr ersetzt, nachdem eventuelle Holzschäden behoben wurden, und die Mauerreste der Burgruine auf dem Gelände werden gesichert. Geschieht dies nicht, würden sie durch die Witterungseinflüsse bald verschwinden, hebt Buchstab diesen ideellen Beitrag der Familie hervor.

In den vergangenen Jahren erfolgten am Schloss auch mit Hilfe der Denkmalpflege schon Erhaltungsarbeiten. So wurden zum Beispiel die barocke Gartengrotte nebst obenliegendem Rondell, der Gartensaal und die Eingangstreppe instandgesetzt. Der Austausch von Pfosten und Schwellen gehörten ebenso dazu wie die Reparatur von Wänden und des Ostgiebels.

Und im Dachboden wurde ein Hängewerk zum Halten der Tragbalken an der Obergeschossdecke eingesetzt, erklärt Hartmann und erwähnt beim Abschied gegenüber der OP noch den Begriff von der „ewigen Baustelle“.

von Gianfranco Fain

 
Das Adelsgeschlecht

Die Breidenbach zu Breidenstein sind ein hessisches Uradelsgeschlecht, das 1146 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Die sichere Stammreihe beginnt 1213 mit Gerlach von Breidenstein. Die Familie gehörte der mittelrheinischen Reichsritterschaft des Kantons Wetterau und der fränkischen Reichsritterschaft des Ritterkantons Rhön-Werra an. Sie ist noch Mitglied der Althessischen Ritterschaft.

Die Familie besaß die Grundherrschaften Breidenbach und Breidenstein. Während der Auseinandersetzungen zwischen Kurmainz und der Landgrafschaft Hessen im späten 13. Jahrhundert versuchte sie, eine unabhängige Herrschaft zu errichten, baute zu deren Sicherung die abgegangene Burg Breidenbach sowie Burgen in Breidenstein und beim Hof Rossebach nahe Breidenbach.

1304 wurden die Herren von Breidenbach hessische Burgmannen auf der Burg Biedenkopf. 1353 war die Familie Pfandnehmer der Ämter Marburg und Biedenkopf. Die nur noch als Ruine erhaltene Burg Breidenstein wurde in der Zeit von 1387 bis 1394 gebaut. In den Jahren 1712 bis 1714 folgte das heutige Schloss Breidenstein und 1910 das Obere oder Neue Schloss.

Heute teilt sich der Besitz auf zwei Familienzweige auf, von denen nur noch einer Breidenbach im Namen hat, der von Dr. Georges H. Stückelberg von Breidenbach. Dessen Großvater Alfred Stückelberg heiratete Alice von Breidenbach, deren Vater mangels männlicher Erben mit kaiserlicher Genehmigung seine Titel an ihre Kinder übertragen durfte. Seitdem, 1911, gibt es den Namen Stückelberg von Breidenbach zu Breidenstein und Melsbach.

Quelle: wikipedia

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