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Zeugenaussagen werden gefilmt

Missbrauchsprozess Zeugenaussagen werden gefilmt

Der Prozess gegen den 56-Jährigen aus dem Südkreis, dem die Staatsanwaltschaft schweren sexuellen Missbrauch seiner zwölfjährigen Tochter vorwirft, wird sich hinziehen.

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Weil die Sachverständige, die das Glaubwürdigkeitsgutachten zur Aussage der Tochter des Angeklagten erstellen soll, nicht an der Verhandlung teilnehmen kann, werden alle diese Tat betreffenden Zeugenaussagen per Kamera aufgezeichnet, die hier der Justizbeamte Uwe Nößler installiert.

Quelle: Heiko Krause

Marburg. Dem Angeklagten wird unter anderem vorgeworfen, seine damals zwölfjährige Tochter im Jahr 2004 missbraucht zu haben. Da die mit einem Glaubwürdigkeitsgutachten zur Aussage der Hauptbelastungszeugin beauftragte Sachverständige erst im August Stellung beziehen kann, wird der Prozess vermutlich noch bis zu diesem Monat andauern.

Wie die OP berichtete, haben Verteidigung und Gericht Zweifel, ob die heute 23-Jährige erlebt hat, was sie aussagte. Sie hatte berichtet, von ihrem Vater bei einem gemeinsamen Bad missbraucht worden zu sein. Laut Auskunft des Vorsitzenden Richters Dr. Thomas Wolf am Mittwoch, dem siebten Verhandlungstag, soll zwar bereits im Juni ein Kurzgutachten vorliegen, die Sachverständige selbst kann aber erst am 10. August vor Gericht erscheinen.

Bis dahin sind sechs weitere kürzere Verhandlungstage terminiert. Alle Zeugenaussagen, die den mutmaßlichen Missbrauch betreffen, werden mit der Kamera aufgenommen, damit sich auch die Gutachterin ein Bild über den Prozessverlauf machen kann.

Zeugin: Er ist Exhibitionist

Zu der Aussage der jungen Frau hat die Kammer bereits eine Zusammenfassung erstellt. Bis zur Erstellung des Gutachtens sollen weitere verjährte Missbrauchsvorwürfe mehrerer Familienmitglieder, die gleichwohl strafverschärfend ins Gewicht fallen könnten, ausgeblendet werden.

Aus diesem Grund wurde die Stiefschwester des Angeklagten, die bei der Polizei angegeben hatte, als Kind von ihrem Stiefbruder und seiner Ehefrau vergewaltigt worden zu sein, nur zur jüngeren Vergangenheit befragt. Konkret ging es dabei um drei angeklagte Exhibitionismushandlungen des Angeklagten ihr gegenüber.

Laut Aussage der Zeugin hat sich der Angeklagte über die Jahre ihr gegenüber rund 100 Mal pro Jahr entblößt, und nicht nur vor ihr. „Jeder andere in der Familie hat ihn schon onanierend in der Ecke stehen gesehen.“ Auch die Ehefrau habe davon gewusst. Einmal sei sie hinzugekommen, „da ist er in die Ecke gesprungen und hat alles wieder eingepackt“.

Stiefschwester: Er ist ansonsten kein schlechter Mensch

Zwar habe sie Ekel und Abscheu empfunden, aber seit ihrem 16. Lebensjahr habe er sie nicht mehr angefasst und sie habe es halt hingenommen. Recht gab sie Richter Wolf, der bemerkt hatte, „es ist nur schwer zu verstehen, dass man normalen Kontakt zu einem Mann hat, der ständig seinen Penis raushält“.

„Er ist ansonsten ja kein schlechter Mensch“, sagte die 47-Jährige. Deshalb habe sie ohne nachzudenken sogar einen Fotokalender von ihrem leichtbekleideten Stiefbruder erstellt. Wie die Frau weiter ausführte, habe sie bis 2012 gedacht, sie sei das einzige Opfer. Aber dann habe sich die Tochter des Angeklagten ihr gegenüber offenbart.

„Ich kann nicht mehr, ich muss mit dir reden. Papa hat gemeint, sich an mir vergehen zu müssen“, habe sie gesagt. Dann habe sie von weiteren Fällen erfahren und nachdem ihr Stiefbruder ein fünfjähriges Mädchen aus der Familie bei einer Familienfeier weglocken wollte, hätten alle entschieden, Anzeige zu erstatten.

Sie selbst sehe für sich keinen Nutzen, so die Zeugin, „ich mache mich hier nackig, für alle potenziellen Opfer sitze ich hier“. Zumal ein ehrenamtlich für den Opferverein „Weißer Ring“ arbeitender ehemaliger Polizist gesagt habe, Täter wie der Angeklagte würden nie aufhören, sondern mit dem Alter eher noch enthemmter agieren.

Anwältin: Zeugin ließ sich einschüchtern

Als Zeugin musste auch Rechtsanwältin Elke Edelmann aussagen, die die Tochter als Nebenklägerin vertritt. An sie stellten vor allem die beiden Verteidiger kritische Fragen. Insbesondere zum Aussageverhalten des mutmaßlichen Opfers. Die Frau hatte, wie Edelmann begründete, wegen massiver Einschüchterung seitens der Verteidigung und „fixierenden Blicken“ des Angeklagten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, dann aber doch ausgesagt, nachdem die Kammer deutlich gemacht hatte, dass andernfalls ein Freispruch folgen werde. „Auf gut deutsch haben wir gesagt, das Verfahren ist dann zu Ende“, so Wolf jetzt.

Auf Vorhalt der Verteidiger, die Zeugin habe gesagt, Edelmann habe darauf hingewiesen, dass Richter Wolf angeordnet habe, dass sie aussagen müsse, was rechtlich gar nicht möglich sei, betonte Edelmann, das so nicht getan zu haben. Vielmehr habe sie nur auf die Beweiskraft einer Aussage hingewiesen, um keinen Druck aufzubauen. Was die Aussage selbst betreffe, so beteuerte die Rechtsanwältin, habe sie diese in keiner Weise mit ihrer Mandantin abgestimmt, auch Akteneinsicht habe sie ihr nicht gewährt. Ziel sei es gewesen, dass die junge Frau „einfach nur die Wahrheit sagt“.

Thema war weiter ein Attest der behandelnden Psychologin der Zeugin, in dem es heißt, dass über die mutmaßlichen Missbrauchstaten nicht gesprochen wurde. Als „Frechheit“ bezeichnete die Nebenklagevertreterin den Vorwurf der Verteidiger, „nur gefilterte Inhalte weiterzugeben, die in ihrem Interesse sind“.

  • Die Verhandlung wird am Dienstag, 5. Mai, fortgesetzt.

von Heiko Krause

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