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Zeitweise auf Zeitreise ins Mittelalter

Porträt Zeitweise auf Zeitreise ins Mittelalter

Das Schmieden von Eisen in der Glut des Feuers ist Kai Hobeins Steckenpferd. In Bad Endbach restauriert der Mittelalterfan gerade eine historische Schmiede.

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Aus alt mach neu: Die verrosteten Schmiedezangen bereitet Kai Hobein in mühevoller Handarbeit auf. Die alten Zangen sind dann wieder leichtgängig und funktionsfähig.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Bad Endbach.. Kai Hobein baut in seiner Holzwerkstatt in der Alten Bergstraße einen Holztisch. Der stabile Tisch besteht aus 13 Einzelteilen, die zusammengesteckt werden. Das Holz war Sperrmüll, Hobein macht daraus ein Upcycling-Produkt, das seinesgleichen sucht. „Ich versuche, ökologisch zu sein“, sagt er. Deshalb investiert Hobein viel Zeit in die Aufbereitung verrosteter Werkzeuge für seine historische Schmiede. Er hat schon 14 Zangen bearbeitet, in Göttingen hatte er 150.

Seine Lebenssituation hat ihn gezwungen, dort alles aufzugeben. In Bad Endbach fängt der 48-Jährige mit Lebensgefährtin Corinna Pfeiffer wieder bei Null an. Seine Passion ist das mittelalterliche Handwerk. Er will möglichst authentisch rüber kommen. Deshalb kam beim Umzug nach Bad Endbach auch nur der Kauf eines Hauses mit einer Scheune in Betracht. Eine Fügung des Schicksals war es, dass just dieses Haus einst Corinna Pfeiffers Ur-Ur-Großvater gehörte. Dort betrieb er eine Schmiede und eine Stellmacherei. Doch von dem ehemaligen Handwerk war beim Einzug nichts mehr zu sehen. Nach und nach nimmt der Ausbau der Scheune zur historischen Schmiede wieder Formen an.

Hobein will sich seinen Traum verwirklichen

Auf einer Empore ist eine Feuerstelle mit zwei Feueressen zum Schmieden entstanden. Beide werden mit Fußpedalen betrieben, die die Luftzufuhr für die Glut reguliert. Eine weitere mobile Feueresse hat Hobein, um sein Handwerk auf Märkten oder Veranstaltungen zu zeigen. Am 1. Oktober dieses Jahres wird er damit beim Tag der Regionen in Gladenbach zu sehen sein.

Das historische Handwerk und die mittelalterliche Schmiedekunst hat sich Hobein peu à peu selbst beigebracht. Versuch und Irrtum prägten lange Zeit sein Tun. Er hat sich durchgebissen, hat sich belesen, Ruheständler befragt und war schließlich in Göttingen sieben Jahre mit seinem „Selten-Handwerk“ selbstständig. Hobein hat sich ganz der Tradition der Wikinger verschrieben. Er berichtet, dass die Wikinger nicht nur plündernde Wilde waren. Die rauen Kerle kämmten sich regelmäßig die Haare, wechselten ihre Kleidung, samstags war Badetag. Die kulturellen Leistungen der Wikinger suchen ihresgleichen, darunter auch die Schmiedekunst. Kai Hobein ist seit jeher fasziniert von den Qualitätswaffen und der Tatsache, dass die Wikinger schon im Mittelalter Gleichberechtigung praktizierten: Frauen konnten die Scheidung einreichen.

Hobeins Statur erinnert ein wenig an die Eroberer: Er ist groß und drahtig, sein Haar trägt er lang mit einem Zopf, die Seiten sind kurzgeschoren. Den Schmiedehammer schwingt er mit einer angeborenen Leichtigkeit, als ob er nie etwas anderes machen will, als glühend heißes Eisen in die von ihm gewünschte Form zu zwingen.

Wieder von seinem Hobby zu leben, davon ist Hobein zwar noch weit entfernt, doch er nutzt jede Minute, um seinen Traum zu verwirklichen. Was ihm an Ausstattung fehlt, das wird ihm vielfach umsonst oder günstig angeboten. Vieles davon scheint unbrauchbar oder Schrott zu sein. Nicht so für Hobein. „Es macht nichts, wenn etwas alt ist“, sagt Hobein. Aus Mittenaar stammen alte Schmiedezangen und ein Schmiedehammer, eine ältere Dame bot ihm einen „Eimer voller Werkzeug“ aus der Schmiede ihres Mannes an. Viele verrostete Werkzeuge lagern unbeachtet auf Dachböden oder in Scheunen. Die Besitzer können meist nichts damit anfangen, Hobein schon. Er macht aus alt wieder neu - mit Gebrauchsspuren. Die gehören für Hobein einfach dazu.

In seiner Scheune steht ein Amboss. Auch das ein Geschenk, an dem der Rost haftete wie ein klebriger Kaugummi. Sechs Arbeitsstunden hat es gebraucht, bis der Amboss wieder seinen ursprünglichen Glanz erhielt. Auch die Schmiedezangen sind nicht nur rostfrei, sondern auch leichtgängig, nachdem Hobein sie in mühevoller Kleinarbeit bearbeitet hat. Er mag Ordnung und ist detailverliebt. Bei der Restaurierung der alten Werkzeuge ist der 48-Jährige extrem pingelig. „Ich will sie erhalten“, sagt er.

In Workshops lernen Teilnehmer schmieden

Das, was ihn an der Schmiedekunst des Mittelalters fasziniert, will er mit anderen teilen. Er hat schon Schwerter für Schaukampftruppen oder Schwerter-Replikate von archäologischen Fundstücken für Museen gefertigt. Wenn seine Schmiede fertig ist, will er darin Kurse geben für ein bis drei Personen. An einem Tag können die Teilnehmer die Grundlagen der Schmiedekunst kennenlernen.

Auf dem Programm steht zum Beispiel das Herstellen eines mittelalterlichen Küchenmessers, das aus einem Stück Stahl gefertigt wird. Hobein zeigt den Teilnehmern fünf bis sechs Schmiedetechniken. Am Ende des Tages hat jeder ein voll funktionsfähiges Küchenmesser. Mit dem Bad Endbacher Verein „Freye Berglaender“ ist Hobein seit längerem im Gespräch, um dort als Schmied mit seiner mobilen Feueresse den Ferienpasskindern das mittelalterliche Handwerk zu demonstrieren. Die ehrenamtliche Arbeit ist ihm wichtig. Er plant auch, Schulklassen in seiner Schmiede das Handwerk zu präsentieren.

In der Mittelalterszene hatte sich Hobein längst einen Namen gemacht und seine Handwerkskunst weltweit vertrieben. Jetzt steht alles auf Anfang. Bis er wieder voll einsteigen kann, vergeht noch einige Zeit. Im Juni will Hobein Eröffnung feiern. Dann soll die Schmiede mit mittelalterlicher Taverne fertig sein. Dort sollen Kerzenleuchter und Schaukampfwaffen ausgestellt werden. Einrichten will Hobein die Taverne mit selbstgefertigten Möbeln. Über eine steile Holztreppe ist sie zu erreichen. An den Wänden sollen Fackeln die Besucher in eine andere Zeit entführen. Zu Hobeins Handwerkskunst gehört auch das Fertigen von originalgetreuem Holzgeschirr aus der Wikingerzeit sowie das Herstellen von Schmuck und Ledertaschen mit Verzierungen aus Ranken und Tiermustern aus der Wikingerzeit, die dort zu sehen sein werden. Ein Holztisch aus Einzelteilen, gefertigt wie der in seiner Holzwerkstatt, ziert bereits die Taverne.

von Silke Pfeifer-Sternke

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