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Zehn Jahre Haft wegen Sexualdelikten

Landgericht Marburg Zehn Jahre Haft wegen Sexualdelikten

Im langwierigen Verfahren im Falle eines jahrelangen sexuellen Missbrauchs gegen einen Mann aus Offenbachwurde gestern vor dem Marburger Landgericht das Urteil gesprochen.

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Vor dem Landgericht Marburg musste sich ein 36-Jähriger verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg.. Das Gericht sah 13 der 14 Anklagepunkte als erwiesen an. In den Jahren von 1999 bis 2003 hat sich der heute 36-Jährige mehrerer Missbrauchstaten schuldig gemacht. Er lebte als Untermieter bei einer Familie und hat drei der Töchter sexuell belästigt und eines der Mädchen jahrelang zu Anal- und Oralsex gezwungen (die OP berichtete). Am gestrigen Verhandlungstag konnte schließlich auch die Mutter der Geschädigten als Zeugin vor Gericht vernommen werden. Wegen der im Laufe des Verfahrens hervorgetretenen katastrophalen familiären Verhältnisse sowie der steten Vernachlässigung ihrer Kinder, wies Richter Dr. Thomas Wolf die Zeugin darauf hin, dass sie sich bei ihrer Aussage nicht belasten müsse. Er betonte dies besonders, da die Möglichkeit bestand, die Mutter habe von dem Missbrauch gewusst.

Sie bestritt etwas von den Übergriffen auf ihre Kinder bemerkt zu haben. Mehrfach machte sie sich Vorwürfe, widersprach sich jedoch auch in ihren Aussagen. Ihre Kinder hätten ihr nie etwas dergleichen mitgeteilt, wie es die Hauptgeschädigte angegeben hatte. Die Mutter bestätigte, dass der Angeklagte mehrfach anzügliche Floskeln gegenüber den Mädchen benutzt habe. Er habe sie unter anderem auf ihre sich entwickelnden Brüste angesprochen. „Wie man das eben so macht beim Feiern, Witze eben“, sagte die Zeugin. Sie habe sich dabei nichts gedacht. Ihre Tochter beschwerte sich einmal bei ihr über die Annäherungen des Angeklagten und teilte ihr mit, er würde sie am Po berühren. Die Mutter gab zu, ihrer Tochter nicht geglaubt zu haben. Zudem konnte sie die Vorwürfe gegen den Beschuldigten anfangs nicht Ernst nehmen. Mittlerweile könne sie es sich aber vorstellen, sagte sie unsicher.

Mutter leidet unter Alkoholproblemen

Sie sei als Kind auch missbraucht worden und habe ihren Kindern davon erzählt, sagte die Mutter dem Gericht. Sie leidet daher seit Jahren am Borderline-Syndrom und hat Alkoholprobleme. Da ihre Tochter sich zur Zeit der Missbräuche anders verhalten habe als sie damals, kam sie nicht auf den Gedanken, dass etwas nicht stimmte. „Hätte ich etwas bemerkt, hätte ich etwas unternommen“, sagte die Zeugin. Das Verhältnis zwischen Mutter und Kindern war zudem problematisch. Die Töchter sprachen von einer lieblosen Kindheit, in der sie sich selber überlassen waren.

Schließlich wurde das Gutachten einer Kinder- und Jugendpsychiaterin vor Gericht gehört. Dieses bestätigte bei der Geschädigten eine posttraumatische Belastungsstörung, wie es bereits der behandelnde Arzt angegeben hatte. Diese Störung hätte auch durch die einschneidenden Kindheitserlebnisse außerhalb des Missbrauchs auftreten können. Jedoch belegte das Gutachten die Glaubwürdigkeit der Aussagen der geschädigten jungen Frau. Ihre Angaben seien sehr strukturiert und logisch nachvollziehbar gewesen, dabei jedoch nicht stereotypisch oder auswendig gelernt erschienen. Alles sprach für eine real erlebte Erfahrung. Motivationen für eine Falschaussage, wie Rache oder psychisch bedingte Suggestion, schloss die Gutachterin aus.Zudem erklärte sie die vor Gericht strittige Tatsache, dass die Geschädigte sich nicht völlig von dem Angeklagten zurückzog. In vielen Fällen familiären Missbrauchs würde der Kontakt zwischen Täter und Opfer nicht abgebrochen, sondern aufrechterhalten, bedingt durch räumliche Nähe, Scham oder Gewohnheit. Zudem war der Angeklagte ein wichtiger emotionaler und sozialer Ansprechpartner in der zerrütteten Familie.

Angeklagter bricht sein Schweigen

Während der Verhandlung brach der Angeklagte sein Schweigen, das er bis dahin an sämtlichen Verhandlungstagen gezeigt hatte. Er stritt die Missbrauchsvorwürfe ab und erläuterte, wie es zu seinem Einzug bei der Familie kam. Mit Anfang 20 zog er als Untermieter ein und lebte jahrelang mit den Eltern und fünf Töchtern in sehr beengten und katastrophal unhygienischen Verhältnissen zusammen. Mit seiner eigenen Familie hatte er sich zerstritten. Auf die Frage des Richters, warum er sich diese Zustände so lange angetan habe, konnte er keine richtige Antwort geben. „Ich weiß auch nicht, es war besser als allein zu sein“, gab er an. Irgendwie habe ihm die Familie trotz allem etwas Halt gegeben. Nun habe er den Eindruck, er solle für irgendetwas büßen, sagte er.

Die Staatsanwaltschaft sah fast sämtliche Punkte der Anklageschrift als bestätigt an. „Der Angeklagte hat das Vertrauen, das ihm die Mädchen entgegenbrachten, schwer missbraucht“, sagte Staatsanwältin Annemarie Wied in ihrem Plädoyer. Die Geschädigte sei für ihr Leben traumatisiert. Die Verteidigung des Beschuldigten sprach dagegen vom juristischen Grundsatz „In dubio pro reo“ - im Zweifel für den Angeklagten. Die Verteidigung hatte massive Zweifel am Wahrheitsgehalt der Vorwürfe, die eine Verurteilung nicht möglich machten. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen mehrfachen schweren sexuellen Missbrauchs an Kindern, einem versuchten Missbrauch sowie zweifacher Vergewaltigung einer Jugendlichen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren.

von Ina Tannert

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