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Zahnarzt bohrt in Nicaragua

German Doctors Zahnarzt bohrt in Nicaragua

Sechs Wochen lang war der Gladenbacher Zahnarzt Dr. Carsten Wenzel in Nicaragua, um Menschen zu behandeln, die sich normalerweise keinen Zahnarztbesuch leisten können.

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Carsten Wenzel während eines Einsatzes in einem nicaraguanischen Dorf. Privatfoto

Quelle: Privatfoto

Gladenbach. Nachhaltige Hilfe zu leisten ist das Ziel von Carsten Wenzel. Er will sichergehen, dass seine Arbeit denjenigen zugutekommt, die sie am nötigsten haben. Deshalb überlegt sich der Zahnarzt sehr genau, wo und wie er sich engagiert.

Für ein Hilfsprojekt der German Doctors reiste er kürzlich zum zweiten Mal nach Nicaragua. Sechs Wochen, vom 1. Dezember bis 12. Januar, war er ehrenamtlich im Einsatz. Der organisatorische Aufwand war enorm: Wenzels Praxis in Gladenbach blieb währenddessen geschlossen.

Rund 11000 Kilometer trennten ihn an Weihnachten und Silvester von seiner Frau, mit der er täglich über das Internet Kontakt hielt.

Nicaragua zählt zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas und der Welt. Von den knapp sechs Millionen Einwohnern leben nach Einschätzung des Human Development Index mehr als 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze - auf dem Land sogar bis zu 70 Prozent. Einen Besuch beim Arzt können sich viele nicht leisten.

Seit 2004 engagieren sich die German Doctors in dem kleinen Land zwischen Atlantik und Pazifik - mit bislang 208 unentgeltlichen Einsätzen. Nachhaltigkeit sieht Wenzel im Wirken der Organisation gegeben - im Unterschied zu einigen anderen Hilfsorganisationen, bei denen er sich bislang in verschiedenen Ländern engagiert hat.

Die Arbeit der German Doctors in Nicaragua konzentriert sich auf die teils schwer zugänglichen Bergdörfer im Norden des Landes. In der Stadt Ocotal (rund 32 000 Einwohner) befindet sich eine Station der German Doctors, deren mobile Klinik von dem gemeinnützigen Verein „Nicaragua Projekt“ unterstützt wird.

Bis zu 120 Patientenpro Tag behandelt

Von der Station aus fuhren Carsten Wenzel und seine Kollegen fünfmal pro Woche in die umliegenden Ortschaften (tägliche Anfahrtszeit: eine bis eineinhalb Stunden), wo sie am Tag zwischen 30 und 120 Patienten behandelten - hauptsächlich Frauen und Kinder. Die meisten Männer waren zu dieser Zeit zur Ernte auf den Kaffee-Plantagen.

Ein Helferteam bestand aus jeweils einem Allgemeinmediziner, einem Zahnarzt sowie vier Einheimischen, die bei der Arbeit der Ärzte assistierten und dolmetschten. Abgestimmt wurden die Einsätze in enger Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gesundheitszentrum.

Der Gang zum Arzt sei für viele Nicaraguaner etwas ganz Besonderes, sagt Wenzel. Etwas, was sie mit Ehrfurcht täten. Deshalb kleideten sich die Patienten chic. „Sie ziehen das Beste an, was sie haben, oder leihen sich sogar Kleidung aus.“ Ein ausländischer Arzt, der die Menschen nur bestens gekleidet antreffe, bekomme häufig einen falschen ersten Eindruck von deren tatsächlicher Lebenssituation.

Einseitige Ernährung stellt ein großes Problem in der nicaraguanischen Bevölkerung dar. Bei vielen ruft sie Durchfall-Erkrankungen und Kopfschmerzen hervor. Verbreitet sind auch Wurmerkrankungen.

„Es gilt, die schweren Krankheiten herauszufiltern“, sagt Wenzel. Bei den Dorf-Besuchen der German Doctors werden zunächst Blutdruck und Gewicht der Untersuchten ermittelt. „Bei den Kindern wird der Umfang der Arme gemessen, um zu sehen, ob sie zugenommen haben“, erklärt Wenzel. Außerdem werden Karteien verglichen.

Nicht alle erforderlichen Behandlungen können in den Dörfern erfolgen, denn meistens gibt es dort weder Strom noch fließend Wasser. Wichtig für die Arbeit vor Ort: „Es geht in erster Linie um die Schmerzstillung bei Patienten mit zerstörten Zähnen.“ Schmerzstillung - das bedeutet chirurgische Eingriffe: Extraktionen, also das Ziehen von Zähnen. Dies ist Carsten Wenzel in Nicaragua nicht immer leicht gefallen. Hierzulande werde um jeden Zahn gekämpft, verdeutlicht er. Bei der armen Bevölkerung in Nicaragua aber sei das Verständnis ein anderes. Die Menschen wollten bloß ihre Schmerzen loswerden - verständlicherweise. Deshalb hätten viele junge Leute schon Zahnlücken.

Allerdings rettete Wenzel auch so manchen Zahn: durch Füllungen oder Wurzelbehandlungen. Das allerdings war nicht in den Dörfern möglich, sondern geschah in der Station in Ocotal: Zweimal wöchentlich bei Strom und fließend Wasser. Patienten, deren Zähne noch nicht zerstört waren - bei denen eine Zahn-Rettung also noch sinnvoll war -, wurden deshalb in die Station einbestellt. Dieses Angebot sei gern wahrgenommen worden, sagt Wenzel.

Ausflug ans Meer war großes Erlebnis

Sehr oft habe er große Dankbarkeit zu spüren bekommen, berichtet er. Ein tolles Gefühl war es für ihn, Menschen wiederzusehen, die er bei seinem ersten Einsatz in Nicaragua vor drei Jahren behandelt hatte. „Ich habe Kinder gesehen, die ich noch vom letzten Mal kannte, und die jetzt drei Jahre weiter sind.“

Eine Freude sei es aber auch gewesen, alte Menschen nach drei Jahren wieder zu treffen.

Ein Erlebnis hat Carsten Wenzel besonders berührt: Ein Ausflug, bei dem er und einige Helfer einer Gruppe von Mädchen das Meer zeigten. Die Mädchen stammen aus Ocotal, das rund dreieinhalb Autostunden von der Küste entfernt liegt. Sie hatten das Wasser bis dato noch nie gesehen. Die Mädchen werden durch das Projekt „Maria de Nazareth“ betreut, das vor zehn Jahren von Dulce Maria Calderon und Viola Castillo auf die Beine gestellt wurde. Es soll Mädchen eine Perspektive verschaffen, die aus Problemfamilien kommen - in denen die Verhältnisse bestimmt sind von Alkohol, Drogen, Prostitution und sexuellem Missbrauch.

Die Begeisterung der Jugendlichen am Meer sei unvergesslich gewesen, sagt Wenzel. Der „German Doctor“ hat den Tag auf einem I-Phone-Video festgehalten, das hier zu finden ist. Finanziert wurde der Ausflug ans Meer übrigens aus einer Spende, die Wenzel vor seiner Abreise von seinem Dental-Labor erhalten hatte.

Von seinem ehrenamtlichen Einsatz ist Carsten Wenzel nach eigenen Angaben „geerdet“ und 13 Kilo leichter nach Deutschland zurückgekehrt. Zu bewältigen seien die Herausforderungen eines solchen Einsatzes nur durch viel Flexibilität und Kompromissbereitschaft im Team.

Fasziniert hat ihn die Mentalität der Nicaraguaner. „Ich empfinde sie als unaufgeregter - und als hart im Nehmen.“ Viel Liberalität habe er in dem Land erfahren. Nach einer solchen Erfahrung, sagt Wenzel, „betrachtest du manche Probleme etwas gelassener.“

Carsten Wenzel hat von seinem ehrenamtlichen Einsatz ein Video ins Internet gestellt.

German Doctors
  • Gegründet wurde die German Doctors im Jahr 1983 unter dem Namen „Ärzte für die Dritte Welt“. Dem Engagement der humanitären Hilfsorganisation lag die Idee zugrunde, Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ professionelle medizinische Hilfe anzubieten.
  • Die Arbeit der German Doctors besteht auch heute in der Umsetzung dieser Idee. Seit 1983 erfolgten mehr als 6000 Einsätze. Allein im Jahr 2012 absolvierte die Organisation 365 Einsätze in neun Projekten. 174 Ärztinnen und 158 Ärzte beteiligten sich – einige sogar mehrfach im Laufe des Jahres. Die Ärzte arbeiten während ihres Jahresurlaubs oder im Ruhestand für jeweils sechs Wochen. Sie tragen die Hälfte der Flugkosten selbst und verzichten auf jegliche Vergütung. Weitere Infos zu den German Doctors sind im Internet zu finden: www.german-doctors.de

von Björn-Uwe Klein

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