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Wo Bürgermeister geschmiedet werden

Kaderschmiede Dautphetal Wo Bürgermeister geschmiedet werden

Die Gemeinde Dautphetal hat nicht nur Unternehmen von weltweiter 
Geltung, ein weniger 
bekanntes Exportgut sind Verwaltungschefs für die Amtsstuben von Gemeinden und Städten.

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Gernot Wege (oben) möchte das erreichen, was die drei anderen schon sind: Bürgermeister werden. Ralph Venohr (von links) in Bischoffen, Peter Kremer in Gladenbach und Bernd Schmidt in Dautphetal.

Quelle: Nikola Ohlen

Dautphetal. In der Stadt Gladenbach ist Peter Kremer der Rathauschef, Ralph Venohr weiß jenseits der Kreisgrenze die Gemeinde Bischoffen hinter sich und in Dautphetal geht Bernd Schmidt in seine dritte Amtszeit als Bürgermeister.

Ab Sonntag könnte Gernot Wege zu diesem erlauchten Kreis zählen. Sollte er zum Bürgermeister der Gemeinde Steffenberg gewählt werden, wären es derer vier, die einer Kommune vorstehen und irgendwie einmal mit einem Dautphetaler Ortsteil in Verbindung waren.

Drei zeitgleiche Bürgermeister hervorzubringen ist schon bemerkenswert, wenn es sogar vier werden sollten, wäre das vermutlich nicht nur in Hessen einmalig. Liegt es an den Genen oder an der Luft, macht es der Gemeinsinn oder die politische Kultur in der Gemeinde, die sich neuerdings gern als „Mitte“ bezeichnet, aus, einen besonderen Exportschlager heranreifen zu lassen? Oder haben die vier gar zusammen im Sandkasten Städte aufgebaut und Bürgermeister gespielt?

Bei der Spurensuche scheidet die gemeinsame Spielstube schnell aus. Das Alter zog eine unsichtbare Grenze zwischen den späteren Führungskräften. Schmidt und Kremer pusteten schon 56 beziehungsweise 55 Kerzen aus, Venohr zählt 47, Wege 46 Lenze. Dennoch: „Ich habe Bernd Schmidt schon in der Schule wahrgenommen“, berichtet Wege, damals gehörte er aber zu „den Großen“. Auch waren die Schmidts in Dautphe durch ihr Ladengeschäft bekannt, in dem die Weges einkauften.

Verschiedene Wege zum Ziel

Und die anderen? Venohr meint sich an Wege in Zusammenhang mit einem anderen Spiel zu erinnern. „Das stimmt“, sagt Wege. Sie trafen sich auf dem Fußballplatz. Der eine im Tor der E-Jugend, der andere davor. Venohr wohnte damals noch in Gladenbach.

Und Kremer? Der war noch nicht im Spiel. Seine Eltern zogen erst als er die achte Klasse besuchte von Wallau nach Holzhausen. Das war Ende der 1960er Jahre und 1987 zog er schon wieder nach Gladenbach um – der Liebe wegen. In der Hinterlandstadt entwickelte er auch seine Leidenschaft für die Politik, nachdem er einmal eine Stadtverordnetenversammlung verfolgt und dadurch die politischen Diskussionen, vor allem zwischen dem SPD-Bürgermeister Klaus Bartnik und dem „Grünen“ Jens Kröcher, „Blut geleckt hatte“. Sein politisches Wachstum bei den Grünen endete für den Mann aus der Baustoff-Wirtschaft mit der Kandidatur als parteiloser Bürgermeisterkandidat.

Auch Venohr war erst in der Wirtschaft tätig, arbeitete später als Rechtsanwalt, bevor er in Bischoffen Hauptamtsleiter wurde und nun schon in der zweiten Amtsperiode als parteiloser Bürgermeister ist. Kremer sei ihm „vom Sehen her bekannt gewesen“, sagt er, während Kremer sich an eine Jugendliche aus der Nachbarschaft erinnert, die später Venohr nach Holzhausen zog .

Auch Gernot Wege hält es mit der Parteilosigkeit. „Damit bin ich immer gut gefahren“, bekennt er. Und das allein schon aus privaten Gründen. Bereits im Biedenkopfer Gymnasium habe er bekennende Sozialdemokraten als Lehrer gehabt, zu Hause war das Parteibuch dagegen schwarz: Der Vater war in den 1970er Jahren in der Gemeindevertretung tätig, Bruder Herwig kommt in der neuen Gemeindevertretung als Nachrücker höchstwahrscheinlich wieder rein und Brigitte ­Wege ist in den Ortsbeirat Dautphe gewählt – alle unter dem CDU-Banner.

Da gibt es noch einen

Der offensichtlich nicht so festgelegte Gernot Wege heiratete in Niedereisenhausen dagegen in einen SPD-Haushalt rein, verrät er schmunzelnd. Dort wurde er als Ortsvorsteher der Familientradition gerecht, entschloss sich auf den letzten Drücker, für das Bürgermeisteramt in seiner Gemeinde zu kandidieren.

Nur Bernd Schmidt ging andere Wege. Beruflich wurde er in der Kreisverwaltung groß, politisch schloss er sich den Freien Wählern an und das Bürgermeisteramt machten ihm andere schmackhaft: „Das wäre doch was für dich!“

Doch woran liegt es, dass die Gemeinde Dautphetal so viele Bürgermeister hervorbringt? Diese Frage kann auch „Ziehvater“ Schmidt nicht beantworten. Stattdessen beschreibt er seine Kollegen als „positiv, offen und mit der Heimat verwachsen“. Und sie seien auch nah am Bürger, so wie ein weiterer Dautphetaler, der sozusagen der Bürgermeister aller Menschen im Kreisgebiet war: Ex-Landrat Robert Fischbach, natürlich aus Holzhausen.

n  Am Sonntag sind 3229 Wahlberechtigte in Steffenberg aufgerufen, einen neuen Rathaus-Chef zu wählen. Zur Wahl steht neben dem parteilosen Gernot Wege, der im ersten Wahlgang 45,9 Prozent der Stimmen erhielt, der Sozialdemokrat Maik Schmidt, auf den 25 Prozent der Wählerstimmen entfielen. Aus dem Rennen sind Gerhard Acker und Michael Röther.

von Gianfranco Fain

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