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"Wir sind bekannte Personen"

Musical "Der Postraub" "Wir sind bekannte Personen"

Wieder gehören Asylsuchende zum Ensemble der Schlossfestspiele Biedenkopf. Einige sind nun schon zum zweiten Mal dabei. Für sie war das Musical das Sprungbrett in die Gesellschaft.

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Quelle: Michael Hoffsteter

Biedenkopf . Zehn Flüchtlinge stehen auf der Bühne der Schlossfestspiele in Biedenkopf neben Profischauspielern. Gemeinsam proben sie für die neue Auflage des Musicals „Der Postraub“, das im vergangenen Jahr Premiere feierte. „Die Arbeit hier hat uns vier oder fünf Jahre Integrationszeit gespart“, schätzt der 30 Jahre alte Darsteller Karim aus Syrien.

Regisseurin Birgit Simmler setzt für die Produktion auf Profis, regionale Laiendarsteller und mittlerweile 15 Geflüchtete. 2015 gehörten zum Ensemble fünf Asylbewerber, die Anzahl hat sich verdoppelt.

„Es passte einfach zusammen. Die jungen Männer wollen arbeiten, hier hatten sie das Gefühl: Sie werden gebraucht“, sagt Simmler. Es sei eine Sinnerfahrung für sie in der langen Wartezeit auf Aufenthaltsrecht und Arbeit gewesen. Und: „Wir hätten das Stück ohne sie nicht machen können.“

„Der Postraub“ verarbeitet einen historischen Stoff um acht Männer, die wegen der erdrückenden Lebensbedingungen im hessischen Hinterland des frühen 19. Jahrhunderts zu Räubern werden. Die schriftlich überlieferten Ereignisse von 1822 inspirierten auch Volker Schlöndorff zu seinem Film „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“.

Integrative Kulturarbeit

Die Integration der Flüchtlinge passiere nebenbei, berichtet Simmler über die Probenarbeit. „In der Konzentration auf die Bühnenarbeit braucht es nichts weiter, damit das Ensemble zusammenwächst.“ Das sehen auch diejenigen Geflüchteten so, die schon 2015 bei den Festspielen dabei waren und nun auf ein Jahr mit integrativer Kulturarbeit vor Ort zurückblicken können.

„Wir hätten die Sprache nicht so schnell gelernt und wären auch nicht so sehr in Biedenkopf angekommen“, sagt Karim. „Einheimische haben uns sogar auf der Straße angesprochen und gesagt: Wir kennen euch doch, ihr seid vom ‚Postraub‘.“ Seine Wohnung und seinen Praktikumsplatz bei einer Bank habe er über „Postraub“-Kontakte bekommen. Dank des Musicals und der Unterstützung von Ensemblemitgliedern ging es auch für den 30 Jahre alten Künstler Khaled voran: Er konnte seine Bilder zwischen Realismus und Expressionismus im Verwaltungsgebäude des Kreises Marburg-Biedenkopf zeigen, eine zweite Ausstellung in Biedenkopf steht an. Über eine Schau in Frankfurt laufen Gespräche.

Dem Syrer Hamza (46) halfen die Kontakte, die er über das Musical bekommen hat, während seines monatelangen Kampfes um seine Aufenthaltsgenehmigung. Ohne die Unterstützung der Biedenkopfer hätte er die Zeit nicht durchgehalten, sagt er.

Anleiter für die Neuen

„Die Menschen geben mir das Gefühl, dass sie mich hier haben wollen. Wenn ich verzweifelt war, haben sie mir immer wieder gesagt: Du schaffst das.“

Auch Alaa Edin (26) sagt, das Leben in Deutschland sei besser dank des Musicals. Bei dieser zweiten Produktion ist er einer der Anleiter für die Neuen im Ensemble. „Wir sind bekannte Personen im Landkreis“, sagt er stolz.

Regisseurin Simmler konnte mit Hilfe von Fördergeldern des Landes die Zahl der mitwirkenden Flüchtlinge ausbauen. Nun sind Menschen aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan sowie aus kurdischen Gebieten dabei. Sogar Kinder aus Flüchtlingsfamilien machen mit. Sprachprobleme gibt es nicht: Choreograph Tim Zimmermann und Komponist Paul Graham Brown sprechen Englisch, und die Neuen im Ensemble haben diesmal die Hilfe der alten Hasen, die schon im vergangenen Jahr dabei waren.

Versöhnliches Ende

Simmler hat der wahren Geschichte vom Postraub, die mit Verrat und Tod endet, ein versöhnliches Ende gegeben: Im Musical flüchten die Überlebenden nach Amerika. In der Schlussszene ruft ein syrischer Darsteller auf einem Schiff „Land in Sicht“ - die zusammengesunkenen Gestalten aus aller Herren Länder richten sich auf.

  • Die Premiere des Musicals findet am Freitag, 12. August, um 20 Uhr im Landgrafenschloss Biedenkopf statt, Einlass ist um 19.30 Uhr.

von Martina Koelschtzky (dpa)

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